Der ökonomische Gastkommenmtar
Aufsichtsräte für Universitäten

Der Vorwurf, die deutschen Universitäten würden nicht effektiv arbeiten, wird häufig mit der Forderung verbunden, es müssten, um Abhilfe schaffen zu können, die Leitungsprinzipien aus der privaten Wirtschaft übernommen werden.
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Die Suche nach der geeigneten Form der Leitung von Hochschulen hat nahezu flächendeckend dazu geführt, dass neben den Rektoraten oder Präsidien Hochschul- oder Universitätsräte eingeführt worden sind, die gelegentlich auch als Aufsichtsräte oder Kuratorien bezeichnet werden. Bezüglich der Zusammensetzung und Aufgabenstellung gibt es, abhängig von den Vorgaben in den einzelnen Bundesländern oder von den Satzungen der Hochschulen, unterschiedliche Konstruktionen mit Beratungs-, Kontroll- oder Entscheidungskompetenzen. Zum Teil weisen diese eine Vermischung von Funktionen auf. Solche Gremien können mit Vertretern aus den Reihen der betroffenen Universität und Dritten, aber auch ausschließlich mit hochschulfremden Personen besetzt sein. Den Hochschulräten sind Aufgaben übertragen worden, die bisher entweder dem zuständigen Ministerium in dem jeweiligen Bundesland oder den Hochschulen, und dort in aller Regel bislang den Senaten, vorbehalten waren.

Immer wieder hört man davon, dass es zwischen den jeweiligen Hochschulräten und den Senaten „knirschen“ würde. Das liegt einmal an den zum Teil unausgereiften rechtlichen Regelungen. Hier fehlt es oft an klaren Abgrenzungen der Zuständigkeiten. Die strategische Führung muss bei der Leitung der Hochschule, also ihrem Präsidium oder ihrem Rektorat, liegen. Da die hochschulfremden Mitglieder der Hochschulräte nebenberuflich tätig sind und das Gremium im Allgemeinen nur in jedem Quartal einmal tagt, können hier keine Einzelentscheidungen im Sinn der Erledigung laufender Geschäfte erfolgen. Eine Vermengung von Funktionen des Aufsichtsrats mit dem operativen Geschäft führt zwangsläufig zu Konflikten. Im Übrigen besteht die Gefahr, dass sich der Hochschulrat „verzettelt“. Es kann auch nicht gut gehen, wenn der Hochschulrat einen Rektor auswählt und der Senat eine solche Entscheidung nur noch schlicht „abnicken“ kann. Das widerspricht in der Tat dem jahrhundertealten Selbstverständnis, dass die Universitäten ihren Repräsentanten selbst bestimmen. Sonst kommt es nämlich zu einer weiteren Entfremdung vor allem der Professoren von „ihrer“ Universität.

Durch die Entmachtung der Senate und durch die Verlagerung von Aufgaben auf solche Gremien, die außerhalb ihrer jeweiligen Einflusssphäre liegen, kann die Entsolidarisierung, die bereits in der so genannten Gruppenuniversität zu beobachten war, noch zunehmen. Der Entwicklung einer so genannten Corporate Identity der einzelnen Hochschule kann das nicht gerade förderlich sein. Und der Stärkung der oft beschworenen Autonomie der Universitäten kann es ebenfalls nicht von Nutzen sein. Denn Voraussetzung für eine solche Autonomie ist, dass die Angehörigen der Körperschaft sich in möglichst großem Umfang mit ihrer Institution identifizieren. Denn sonst bewegt man sich auf eine Anstalt zu, die zwar Benutzer, aber keine Mitglieder hat. Ebenso ist es keine gute Lösung, wenn dem Hochschulrat Vertreter der zu beaufsichtigenden Hochschule angehören, und zwar nach dem Prinzip der Gruppenrepräsentanz. Die Gefahr, dass die in den Gremien der Institution geführten Auseinandersetzungen hier wiederholt werden, liegt nahe.

Durch eine Besetzung nur mit Dritten könnten solche Gefahren vermieden werden. Damit würde eine klare Trennung von Leitung und Aufsicht unterstrichen. Die Mitglieder sollten anteilig von der Hochschule und dem zuständigen Landesministerium gewählt beziehungsweise bestellt werden. Wundern darf man sich über die Schwierigkeiten im Zusammenspiel auch deshalb nicht, wenn man die unterschiedlichen „Kulturen“ betrachtet, die hier aufeinander treffen. Auf der einen Seite stehen die Repräsentanten der Wirtschaft, die es gewohnt sind, dass ihre Anweisungen zügig umgesetzt werden. Auf der anderen Seite befinden sich die Mitglieder der Hochschule, die über Jahrzehnte hinweg eine mitbestimmte, durch so genannte Transparenz und Demokratisierung gelegentlich arg politisierte Bildungseinrichtung erlebt haben.

Manche Vorurteile bei universitätsfremden Vertretern über ein angebliches Versagen der Hochschulen werden sich bei näherem Zusehen nicht aufrechterhalten lassen. Es ist nicht immer die Unfähigkeit solcher Institutionen, die sie schwerfällig und ineffizient erscheinen lässt. Sondern verantwortlich dafür ist das die Hochschulen einschnürende Regelwerk staatlicher Gesetze und Verordnungen. Umgekehrt erkennen Vertreter der Hochschulen, dass die Repräsentanten der Wirtschaft häufig eben auch nur „mit Wasser kochen“. Der wechselseitige Erkenntnisprozess ist eine erste, wichtige Voraussetzung für eine gedeihliche Zusammenarbeit. Hinzukommen muss aber bei den hochschulfremden Mitgliedern die Einsicht, dass Maßnahmen gegen den Senat, selbst wenn dies rechtlich möglich ist, nicht den gewünschten Erfolg bringen. Wenn die Hochschulräte also die Leistungsfähigkeit der ihnen anvertrauten Institutionen verbessern wollen, dann müssen sie sich auf einen auch Kompromisse einschließenden Dialog mit den Hochschulgremien einlassen. Sonst scheitern beide: die Hochschule, aber auch der Hochschulrat.

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