Der ökonomische Gastkommentar
Arbeit muss produktiver werden

In den letzten fünf Jahren hat die Stundenproduktivität der Arbeit in Deutschland nur noch um 1,3

Mit einem nur schwachen Fortschritt der Arbeitsproduktivität von nur etwa einem Prozent hat Deutschland auf Dauer keine solide Basis für eine bessere Beschäftigungssituation. Unternehmen gehen dann dem Faktor Arbeit aus dem Weg. Denn aus dieser geringen Zuwachsrate der Produktivität muss auch die Erhöhung des Soziallohns, also der Anstieg der Kosten der Systeme der sozialen Sicherung , finanziert werden. Für die Steigerung des realen Nettolohns bleibt selbst vor Steuern nichts mehr übrig.

Sich auf diese Entwicklung mit Mindestlöhnen und Kombilöhnen einzustellen, bei denen der Staat eine Lohngarantie – allerdings ohne Gewähr für die Beschäftigung – übernimmt und die Lücke zwischen geringer Produktivität und gewünschtem Lohn durch Subventionen aus Steuermitteln überbrücken will, ist ein hilfloser Versuch. Dieser wird langfristig nicht durchzustehen sein. Die Alternative muss vielmehr sein, die Arbeit wieder produktiver zu machen, wenn man meint, die soziale Absicherung müsse nicht zurückgenommen werden. Aus diesem Grund ist es dringend notwendig, den Fokus der wirtschaftspolitischen Diskussion in Deutschland anders zu setzen. Wir müssen systematisch danach suchen, wie wir die Arbeitsproduktivität heben können. Darauf müssen alle Anstrengungen der Gesellschaft gerichtet sein.

Die Fragen, die es zu beantworten gilt, lauten: Wie können wir das materielle Interesse der drei Millionen Unternehmen in Deutschland stärken, neue Faktorkombinationen im Schumpeterschen Sinn durchzusetzen? Vor allem aber: Wie können wir bei uns investieren und hier zu Lande neue Arbeitsplätze schaffen? Wie können wir die institutionellen Regelungen des Arbeitsmarkts so anlegen, dass Unternehmen ein Interesse haben, zusätzliche Beschäftigung aufzubauen?

Noch weitere Fragen müssen gestellt werden: Heißen wir in Deutschland neue Technologien frohgemut willkommen? Sind die deutschen Unternehmer hinreichend an neuen technologischen Lösungen interessiert? Sind die Entscheidungsverfahren in den Unternehmen – Stichwort Mitbestimmung – nicht überwiegend darauf ausgerichtet, lediglich marginale Verbesserungen von Produkten auf mehr oder weniger bekannten technologischen Entwicklungslinien vorzunehmen, weil dies für Manager einfacher und in den mitbestimmten Aufsichtsräten und auch in den Betriebsräten leichter zu vermitteln ist? Können wir es uns leisten, technologische Chancen einfach in den Wind zu schlagen?

Zudem: Wie können wir mehr Kreativität in unsere Systeme hineinbringen? Wie können wir eine neue Produktpalette für den Weltmarkt ausfindig machen, damit wir im globalen sektoralen Strukturwandel gegenüber den aufstrebenden Schwellenländern neue Wettbewerbsvorteile gewinnen? Diesen Fragen müssen wir uns widmen, damit wir mit unseren Exportgütern nicht im Produktzyklus, bei dem komparative Vorteile in einem normalen Prozess der internationalen Arbeitsteilung abwandern, negativ tangiert werden wie etwa Italien, so dass wir schlussendlich nur noch Zuflucht in defensiven Entsendegesetzen und im Protektionismus suchen würden.

In der Wachstumstheorie ist inzwischen etabliert, dass in den modernen entwickelten Gesellschaften der entscheidende Wachstumsfaktor nicht mehr die Maschinen, also das physische Sachkapital, sind, sondern das Wissens- und Fähigkeitskapital. Wie können wir aus dieser Erkenntnis heraus zusammen mit einer Betonung des Dienstleistungsbereichs, der 70 Prozent der Arbeitsplätze bereitstellt, eine Strategie entwickeln, mit der wir aus unserer stagnativen Lage herauskommen?

Wie können wir die Ausbildung verbessern? Und zwar die Ausbildung sowohl der jungen als auch der älteren Arbeitnehmer? Wie können wir unsere Universitäten, die Lieferanten neuer Ideen, generell am Wettbewerbsprinzip orientieren, so dass sie in einem dezentralen, marktmäßigen Prozess international konkurrenzfähig werden? Und dies, ohne dass wir auf ein staatlich organisiertes Verfahren um Eliteuniversitäten mit seinen diskretionären Entscheidungen zurückgreifen müssen? Und wie können wir die Grundlagenforschung, die das neue technische und organisatorische Wissen aufzuspüren hat, effizient organisieren?

All diese Fragen müssen in einem dezentralen Prozess beantwortet werden, für den wir die Unternehmer, die Lehrer und die Wissenschaftler benötigen. Dabei bedarf es aber auch der Bereitschaft der Arbeitnehmer, sich auf Neues einzulassen. Das Gebot der Stunde lautet: Wir müssen unser Land bei seiner Wertschöpfung modernisieren und die Mentalität der Menschen und der Politik auf diese Frage neu ausrichten. Wenn wir dieses Problem in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit rücken, dann wird uns eine Vielzahl von Antworten auf die gestellten Fragen einfallen.

Wenn wir stattdessen in leicht Marxscher Nostalgie unsere Phantasie und unsere Energie nur darauf verwenden, über die so genannte Unterschicht zu debattieren, werden wir bei schleichender Erosion weiterhin mit der Frage beschäftigt sein, wie das Produktionsergebnis gerechter zu verteilen ist. Aber wir werden nicht dazu kommen, durch ein gesteigertes Produktionspotenzial den wirtschaftlichen Wohlstand für alle zu erhöhen.

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