Der ökonomische Gastkommentar
Das zentrale Problem der Ungleichheit

Der Klimawandel wird von vielen Wissenschaftlern, Politikern und der Öffentlichkeit als die zentrale Herausforderung unserer Zeit verstanden. Man kann das aber auch völlig anders sehen: Nach wie vor ist ökonomische Ungleichheit, wie zur Zeit von Karl Marx, das zentrale Problem der Menschheit.
  • 0

Ökonomische Ungleichheit verursacht Not und Elend. Und erst dadurch wird der Klimawandel zum Riesenproblem. Denn nach allem, was wir wissen, wird das Klima nicht nur Katastrophen verursachen, sondern auch Chancen bieten, da etliche Zonen auf der Erde bessere Lebensbedingungen als jetzt bieten werden. Aber um diese Chance nutzen zu können, benötigt man Kapital, um zum Beispiel umziehen oder die Häuser entsprechend anpassen zu können. Im reichen Holland wird bereits konkret über schwimmende Häuser nachgedacht, während der steigende Meeresspiegel beispielsweise in Bangladesch und etlichen pazifischen Inselstaaten weite Teil des Landes unbewohnbar machen wird. Hunderttausende von Menschen werden sterben, weil sie nicht rechtzeitig wegziehen können. Und bei gestiegenem Meeresspiegel können Wirbelstürme und Tsunamis millionenfache Opfer unter den Ärmsten der Armen fordern.

Mit der Beschreibung und der Erklärung „ökonomischer Ungleichheit“ hat sich die 2005 gegründete internationale „Society for the Study of Economic Inequality“ kürzlich bei ihrer zweiten Jahrestagung in Berlin beschäftigt. Dabei widmeten sich die wenigsten der knapp hundert Vorträge dem größten Ungleichheitsproblem, nämlich dem in der Dritten Welt. Das liegt schlicht und einfach daran, dass die Analyse der Ungleichheit statistisch schwierig ist. Es reichen nämlich keine hoch abstrakten „volkswirtschaftlichen Aggregate“ aus, die von den statistischen Ämtern auf Grund weniger Informationen geschätzt werden, sondern man benötigt zuverlässige Stichproben in der Bevölkerung, um die Ungleichheit der Einkommen und von „Basisgütern“ wie Bildung beschreiben und analysieren zu können. Derartige Stichproben stehen für die entwickelte Welt inzwischen ausreichend zur Verfügung. In Entwicklungsländern fehlen sie oft ganz, oder sie sind für wissenschaftliche Analysen nicht zugänglich, da sie von den Regierungen als „Herrschaftswissen“ betrachtet werden.

Um die Analyse der Einkommensverteilung in Entwicklungsländern haben sich insbesondere die Weltbank und die Uno mit ihrem „World Institute for Development Economics Research“ verdient gemacht. Und es zeigt sich, dass die Globalisierung zwar die Einkommen weltweit steigen lässt, aber damit keineswegs verbunden ist, dass auch die Armut innerhalb von Entwicklungsländern zurückgeht. Im Gegenteil: Wenn ein Land den alten Ratschlägen der jungen Ökonomen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds bedingungslos gefolgt ist, nämlich die Märkte nach innen wie nach außen zu liberalisieren, dann kann das auch völlig schief gehen: Es gibt zwar stets eine kleine Schicht von Profiteuren, aber generell kann die Armut noch größer werden. Eine völlige Liberalisierung der Märkte ist im Interesse der Armen erst dann empfehlenswert, wenn das Bildungssystem funktioniert und der Nachwuchs für die Globalisierung fit ist. In China ist das zu einem Großteil der Fall ist. China ist zugleich ein Beispiel dafür, dass der unglaubliche Erfolg darauf beruht, dass die Führung in Peking nicht der ökonomischen Liberalisierungsideologie gefolgt ist, die die Politikberatung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds jahrelang dominierte.

Die Schlussfolgerungen, die die Ungleichheitsökonomen ziehen, zielen übrigens keineswegs auf klassische Umverteilung im weltweiten Maßstab ab, also der Umverteilung des erarbeiteten Reichtums von der entwickelten in die Dritte Welt. Vielmehr wird immer wieder betont, wie wichtig es sei, dass jedes einzelne Land seine eigene Entwicklungsstrategie finden müsse. Es gibt nur einen Ratschlag, der für alle gilt: Das Bildungswesen muss im Vordergrund stehen. Und ein kleiner Baustein ist die sorgfältige statistische Erhebung und freie wissenschaftliche Analyse der Ungleichheit im Land. Nur dann kann man Erfolge und Misserfolge auch richtig erkennen. Die moderne ökonomische Verteilungsforschung zeigt allerdings auch ganz klar, dass in entwickelten Volkswirtschaften die klassische Umverteilung von oben nach unten wahrscheinlich mehr denn je ihre Berechtigung hat. Denn anhand einer Vielzahl verschiedenster Erhebungen in Europa und Nordamerika weiß man, dass ein weiterer Einkommenszuwachs jenen Menschen, die an der Spitze der Einkommenspyramide stehen, kaum zusätzlichen Nutzen beschert. Der „Grenznutzen“ des Einkommens nimmt rapide ab, wie zum Beispiel das jüngste Papier der britischen Ökonomen Richard Layard und Stephen Nickell zeigt.

Anhand der Angaben zur Lebenszufriedenheit von Befragten – die Daten für Deutschland beruhen auf methodisch besonders aussagekräftigen, wiederholten Messungen im Rahmen der Längsschnittstudie Sozio-ökonomisches Panel – zeigt sich, dass der Grenznutzen des Einkommens mindestens umgekehrt proportional zum Einkommenszuwachs fällt. Das heißt: Der Nutzen aus einem zusätzlichen Euro, den eine Person, die 100 000 Euro zur Verfügung hat, aus diesem Einkommenszuwachs zieht, ist zehn Mal so klein wie der einer Person mit nur 10 000 Euro. Dieses Ergebnis, das methodisch sicher noch sorgfältig zu hinterfragen ist, spricht dafür, dass Umverteilung von oben nach unten, etwa durch einen höheren Spitzensteuersatz, durchaus sinnvoll zu begründen ist. Derartige Ergebnisse können zwar niemals Entscheidungen durch den Gesetzgeber ersetzen, aber solche Ergebnisse geben Hinweise für kluge Entscheidungen.

Kommentare zu " Der ökonomische Gastkommentar: Das zentrale Problem der Ungleichheit"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%