Der ökonomische Gastkommentar
Der Klimawandel lässt sich managen

Derzeit vergeht kaum ein Tag ohne Besorgnis erregende Schlagzeilen über den Klimawandel und die zu erwartenden Folgen. Das ist zunächst einmal gut so, denn das Klimathema ist inzwischen dort angekommen, wo es seit langem eigentlich hingehört: ganz oben auf der politischen Agenda.
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Aber die Zeit der Warnungen ist vorbei, jetzt sind Lösungen und durchdachtes Handeln gefragt. Mit konsequenten Emissionsreduzierungen muss der Klimawandel möglichst gedämpft werden. Gleichzeitig ist eine Anpassung an die unabwendbaren Folgen nötig, damit etwa durch Überschwemmungsschutz oder stabilere Bauweisen das Schadenspotenzial vermindert wird. Wichtig dabei ist aber aus wirtschaftlicher Sicht: Man sollte nicht nur die Probleme sehen. Durch den Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen entstehen auch ganz neue geschäftliche Perspektiven.

Die wissenschaftlichen Fakten sind eindeutig: Im Mittel hat die Temperatur auf der Erde in den vergangenen 100 Jahren um 0,74 Grad zugenommen, und die vergangenen sechs Jahre gehören zu den sieben wärmsten, die jemals gemessen wurden. Der Klimawandel findet statt und ist nahezu vollständig vom Menschen verursacht. Zudem zeigt die Statistik, dass die Zahl großer Naturkatastrophen seit 1950 im Durchschnitt von unter drei auf zuletzt etwa acht pro Jahr zugenommen hat. Dieser Trend wird praktisch ausschließlich von den wetterbedingten Ereignissen wie Stürmen, Überschwemmungen oder Dürren bestimmt. Die Schäden aus Naturkatastrophen sind in der mehrjährigen Durchschnittsbetrachtung noch viel stärker gewachsen, was vor allem in der Zunahme von Werten und ihrer Konzentration in exponierten Gebieten – Stichwort Florida – begründet ist.

Für Unternehmen und ganze Volkswirtschaften bieten sich durch konsequenten Klimaschutz große Chancen. Neue Technologien setzen sich durch, neue Wirtschaftszweige expandieren. So wurden alleine im Bereich der erneuerbaren Energien in Deutschland in den vergangenen Jahren mehr als 50 000 Arbeitsplätze geschaffen. Gerade ein Hochtechnologiestandort wie Deutschland hat beim Thema Klimawandel daher enorme Möglichkeiten. Und mehr Energieeffizienz, eine nachhaltigere Energieumwandlung und klimafreundliche Technologien nutzen letztlich jedem. Für Schwellenländer wiederum öffnet sich durch die aktuelle Diskussion auch der Weg zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsentwicklung, der sich von dem der Industrieländer in der Vergangenheit unterscheidet. Trotz der steigenden Schadenspotenziale: Auch die Versicherungswirtschaft kann von dem Trend profitieren. Einerseits weiß sie, Risiken sehr gut einzuschätzen, auf der anderen Seite steigt die Nachfrage nach Risikoschutz. Außerdem entwickelt sie neue Konzepte und verhilft so zukunftsweisenden Technologien zum Durchbruch. Eine große Herausforderung sind zum Beispiel Offshore-Windparks und große Photovoltaik-Anlagen, die maßgeschneiderte Lösungen erfordern. Insbesondere für hoch entwickelte Länder wie Deutschland gilt daher: Der Klimawandel lässt sich managen.

Lösungen müssen aber auch für Schwellen- und Entwicklungsländer gefunden werden. Sie sind – wie etwa in Südostasien oder Afrika– oft in hohem Maße den Naturgefahren ausgesetzt. Gleichzeitig ist in solchen Ländern der Versicherungsschutz oft sehr gering, da die Märkte noch nicht entwickelt sind und die Menschen dort auch nicht die Mittel haben, entsprechende Verträge abzuschließen. Ein Versuch, dem abzuhelfen, ist die vor zwei Jahren gegründete Munich Climate Insurance Initiative (MCII), der neben der Münchener Rück auch die Weltbank, einige Nicht-Regierungsorganisationen und wissenschaftliche Institute angehören. Es geht hier darum, eine Versicherungslösung für wetterbedingte Naturkatastrophen in Entwicklungsländern zu finden. Die Idee ist dabei, über einen globalen Emissionshandel Geld einzusammeln und in einen Pool einzubringen. Damit würden die großen CO2-Emittenten letztlich die Versicherungslösung finanzieren. Das MCII will dieses Konzept in die Verhandlungen für ein Kyoto-Nachfolgeabkommen einbringen.

Dieses Nachfolgeabkommen ist sehr wichtig. Denn – auch wenn zu viel Schwarzmalerei gar nicht angebracht ist – es sind rasche, aber durchdachte Maßnahmen notwendig, um die Erderwärmung auf das von Experten als gerade noch kontrollierbar eingeschätzte Maß von zwei Grad Celsius zu begrenzen. Dies kann nur gelingen, wenn ein internationales Abkommen mit klaren Emissionsreduzierungen als Nachfolger des 2012 auslaufenden Kyoto-Protokolls vereinbart und auch von allen wichtigen CO2-Emittenten getragen wird. Sehr wichtig sind daher die Anfang 2007 beschlossenen EU-Klimaschutzziele. Positiv ist auch, dass sich die G8-Staaten auf dem Gipfel von Heiligendamm auf ein Vorgehen unter dem Dach der Vereinten Nationen verständigt haben. Es ist zu hoffen, dass nun auf der Weltklimakonferenz im Dezember auf Bali ein grundsätzlicher Durchbruch gelingt. Denn es ist auch aus ökonomischer Sicht sinnvoll, jetzt zu handeln: Investitionen in den Klimaschutz sind viel günstiger, als am Ende die Schäden zu bezahlen. Am Ende trägt die Allgemeinheit die Kosten aus Naturkatastrophen – nicht zuletzt, da immer ein großer Teil der Schäden nicht versichert ist. In der Summe jedenfalls werden die Kosten immens sein.

Es gilt aber auch, die Diskussion auf einer sachlichen Ebene zu halten und mit einigen Missverständnissen aufzuräumen. Der wichtigste Punkt: Die Welt geht durch den Klimawandel nicht unter, und wir werden auch nicht ab sofort von einer endlosen Serie von zerstörerischen Wetterereignissen überrollt. Im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung reden wir vielmehr von statistischen Veränderungen von Naturereignissen.

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