Der ökonomische Gastkommentar
Der Staat kann keine Managergehälter managen

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Zurzeit steigen Löhne und Gehälter in Deutschland vor allem in einer Hinsicht: in ihrer Bedeutung als Themen für Politik und Medien. Ob es sich um Mindestlöhne, überhöhte Managergehälter oder aber falsche finanzielle Anreize für Investmentbanker handelt: Der Ruf nach staatlichen Eingriffen bleibt nicht aus.

Beim Thema Gehälter scheint man auch in den Zitadellen des Kapitalismus und der freien Marktwirtschaft schwach zu werden, wie die viel beachteten Kommentare von Professor Raghu Rajan (Universität Chicago, vormals Chefökonom beim IWF) und Martin Wolf („chief economics columnist“ bei der „Financial Times“) über falsch gesetzte Anreize für Investmentbanker zeigen. Sie konstatieren ein Marktversagen und die Notwendigkeit eines regulatorischen Eingriffs.

Kann man päpstlicher sein als die Päpste der Marktwirtschaft in Chicago und London? Im vorliegenden Fall ist dies sogar dringend geboten. Ein staatliches „Mikromanagement“ von Gehaltshöhe oder Gehaltsstruktur (sprich: Boni) kann nur eine Ultima Ratio sein, nachdem erstens ein Marktversagen klar erkannt wurde und zweitens eine staatliche Regulierung von Gehältern als optimal diagnostiziert wurde. Weder bei der Vergütung von Managern noch von Investmentbankern treffen diese beiden Punkte zu. Die Herren Rajan und Wolf beklagen die steilen und nur kurzfristig orientierten Leistungsanreize von Investmentbankern. Insbesondere die Höhe und Qualität der eingegangenen Risiken spielen damit nur eine untergeordnete Rolle. Für Ökonomen offenbart sich hier in der Tat ein typisches „Multi-Task“-Problem. Der Banker soll ein hohes Dealvolumen generieren, aber dabei auch einen bestimmten „Standard“ einhalten und dementsprechend schlechte Risiken aussondern. Zahlt man einen höheren Bonus pro „Deal“, so dürfte dies das Dealvolumen steigern („Task 1“), aber auch zu einer Senkung der Qualität der eingegangenen Risiken führen („Task 2“).

Dieses Problem tritt auch bei Vertriebsstrukturen auf. Versicherer beispielsweise versuchen es zu reduzieren, indem die Provision über die Vertragslaufzeit verteilt gezahlt wird statt vollständig bei Vertragsabschluss. Mit Sicherheit wird eine Bank stärker am Volumen und weniger an der Qualität interessiert sein, sofern sie die entsprechenden Produkte an den Markt weiterreicht. In der Tat gibt es inzwischen eine gute Evidenz dafür, dass Finanzhäuser, die „Subprime“-Kredite zu einem höheren Anteil in den Kapitalmarkt weiterreichten, stärker mit externen Brokern und reiner Provisionsvergütung arbeiteten und niedrigere Standards bei der Kreditvergabe wählten.

Im Markt sollte dies allerdings zumindest mittelfristig transparent werden. Warum sollten Banken deshalb kontinuierlich sowohl „oben“ im Investmentbereich als auch „unten“ im Retailbereich die falschen, das heißt zu steile und nur kurzfristig orientierte Anreize setzen?

Die Herren Rajan und Wolf haben hier zwei Antworten zur Hand. Banken in finanzieller Schieflage können ein systemisches Risiko darstellen. Die „Ansteckungsgefahr“ ist dabei besonders groß im Falle hoher und intransparenter gegenseitiger Verbindlichkeiten unter den Banken sowie massiver, erzwungener Schnellverkäufe („fire sales“). Aus Sicht der Stabilität des Finanzsystems mag dann jede Bank für sich durchaus versucht sein, ein zu hohes Risiko einzugehen, zumal mit der Hoffnung auf einen möglichen „bail-out“, also eine Rettung durch den Staat oder die Branche. Diese Einsichten sind allerdings nicht neu, weshalb Banken unter anderem dazu gezwungen werden, riskantere Geschäfte mit erhöhtem Kapital zu unterlegen. Die verschiedenen „Pfeiler“ der neuen Eigenkapitalregeln (genannt „Basel 2“) und nicht ein „Mikromanagement“ der Vergütung von Bankangestellten sind die adäquaten Instrumente, den Risikoappetit von Banken mit dem Ziel der Finanzstabilität in Einklang zu bringen.

Rajan und Wolf machen allerdings noch eine zweite Rechtfertigung für einen Eingriff in die Vergütungsstruktur aus: den Wettbewerb. Eine einzelne Bank würde demnach ihre Leistungsträger verlieren, sofern sie ein wirklich effizientes Entlohnungssystem wählte. Dieses Argument ist bereits aus der inzwischen wieder abgeebbten Diskussion über die sehr hohen Managementvergütungen aus Optionen in den USA bekannt. Es ist aber nicht stimmig. Denn wird ein Anteil des Bonusses nicht sofort ausgezahlt (ähnlich der Provision eines Versicherungsagenten), so wird ein Banker natürlich eine höhere Gesamtvergütung verlangen. Sofern die Qualität der Deals im Interesse der Bank dadurch hinreichend steigt und es daher zu Effizienzgewinnen kommt, gibt es zunächst keinen überzeugenden Grund, warum nicht eine einzelne Bank durch eine intelligentere Form der Entlohnung ihre Leistungsträger halten und gleichzeitig die aufgezeigten Probleme vermindern kann. Es gibt ebenfalls keinen Grund zu der Annahme, dass eine Finanzaufsicht die effiziente Entlohnungsstruktur aus der Ferne gestalten könnte.

Die Herren Rajan und Wolf kritisieren mit ökonomischen Argumenten die Struktur der Vergütung von Bankern. Die deutsche Kritik an der Höhe von Managementgehältern mag legitimerweise am Versagen der Corporate Governance ansetzen. Politiker, die so argumentieren, werden aber unglaubwürdig, wenn Unternehmen mit hoher staatlicher Beteiligung wie etwa die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, die Deutsche Bahn, die WestLB oder Volkswagen ihren Managern ähnlich hohe „Marktlöhne“ zahlen wie andere Konzerne.

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