Der ökonomische Gastkommentar
Die Schwäche des starken Euros

Die Krise des US-Marktes für nachrangige Hypotheken hat kürzlich wieder die Frage aufgeworfen, ob für den Dollar der Tag der Abrechnung bevorsteht.

Wie werden die USA ihr auf Rekordhöhe befindliches Zahlungsbilanzdefizit finanzieren können, wenn ihre Volkswirtschaft schwächelt und ihre Finanzanlagen den Reiz für ausländische Investoren verlieren? Wird eine Schwäche des US-Dollars nicht den Wunsch ausländischer Zentralbanken intensivieren, ihre ungewöhnlich hohen Dollar-Bestände zu verringern, wodurch eine wichtige Stütze der US-Währung fallen würde? Fragen über einen möglichen Kursrutsch des Greenbacks zu stellen erscheint durchaus angemessen zu sein in einer Zeit, in der sich dunkle Wolken über der US-Wirtschaft zusammenziehen. Doch über den Währungsfragen darf man nicht die vielleicht noch größeren Folgen für die langfristigen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft übersehen: Wie kann der Euro in seiner heutigen Form überleben, wenn seine außergewöhnliche Stärke die Bruchlinien zwischen den nördlichen Mitgliedsländern der Euro-Zone und jenen im Mittelmeerraum deutlich werden lässt? Und was würde mit der europäischen Wirtschaft geschehen, sollten Italien und Spanien gezwungen sein, die Europäische Währungsunion zu verlassen?

In unmittelbarer Zukunft wird der wichtigste Einfluss auf die globalen Währungskursbewegungen vom Schrumpfen der US-Immobilienblase ausgehen. Nachdem zwischen 2000 und 2006 die Immobilienpreise um 80 Prozent stiegen, deutet nun alles darauf hin, dass die Blase geplatzt ist. Tatsächlich fallen die Hauspreise bereits, und die Leerstandsquoten erreichen Rekordwerte. Gleichzeitig deutet alles darauf hin, dass die Nachfrage nach Immobilien im Rest des Jahres sinken wird. Dazu tragen mehrere Faktoren bei: die schärferen Kriterien für Kreditvergaben nach dem Fiasko bei den nachrangigen Hypotheken, das höhere Zinsniveau, das auf Darlehen mit variabler Verzinsung durchschlägt, und die Auflösung großer spekulativer Positionen. Eine Schwächung der US-Wirtschaft, die vom Immobilienmarkt ausgeht, wird signifikante Effekte auf den Dollar haben. So wird zunächst der Zinsvorsprung, der gegenwärtig für den Dollar spricht, verschwinden, wenn die US-Notenbank die Zinsen senkt, um die Wirtschaft zu stützen. Ein vielleicht noch wichtigerer Faktor der Schwächung wird darin bestehen, dass amerikanische Finanzprodukte, auch Aktien, ihren Reiz verlieren. Das erscheint umso wahrscheinlicher, als ihre Preise gegenwärtig kaum auf die bestehenden Risiken abgestimmt sind und von der Grundannahme getragen werden, dass mit der US-Wirtschaft schon alles positiv verlaufen würde.

Jeder weitere Wertverlust des Dollars bedeutet für den Euro aber, dass er unter den wichtigsten Weltwährungen jene ist, die den größten Teil der Anpassungslast zu tragen hat. Schon seit 2003, als der graduelle Abwärtstrend des Dollars begann, hat der Euro ihm gegenüber um 40 Prozent zugelegt. Und das, obwohl europäische Überschüsse kaum eine Größenordnung erreichten, die dem US-Defizit entsprachen. In naher Zukunft ist zu erwarten, dass sich dieses Muster fortsetzen wird, da die asiatischen Währungen kaum einen größeren Teil der Last tragen werden, den ein schwacher Dollar mit sich bringt. Schließlich macht China, das heute weltweit den höchsten Zahlungsbilanzüberschuss aufweist, keine Anstalten, seine Strategie einer schwachen Währung aufzugeben. China kauft jährlich Devisen in Höhe von 250 Milliarden Dollar. Und die Japaner, die eine neue Deflation fürchten und ebenfalls einen sehr hohen Zahlungsbilanzüberschuss aufweisen, beeilen sich überhaupt nicht, ihr Zinsniveau zu normalisieren. Indem sie diese Geldpolitik verfolgt, garantiert Japans Zentralbank geradezu einen schwachen Yen und macht ihn zum bevorzugten Vehikel des „carry trades“.

Die Herausforderung für den Euro in seiner jetzigen Form besteht darin, dass seine Mitgliedsländer sehr unterschiedlich darauf vorbereitet sind, mit einem starken Euro zu leben. Griechenland, Portugal, Italien und Spanien werden am meisten unter einem weiter steigenden Euro zu leiden haben. Bereits jetzt hat die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Löhne und Preise spürbar abgenommen. Seit 1999 haben sie im Vergleich zu Deutschland zwischen 33 und 45 Prozent ihrer Wettbewerbsfähigkeit verloren. Auf Grund der Zwänge, die in einer Währungsunion bestehen, können die Mittelmeerländer nicht auf Abhilfe durch Abwertung hoffen. Sie können auch die Zinsen nicht beeinflussen, um damit die heimische Nachfrage zu stimulieren. Die Regeln der Währungsunion zwingen sie dazu, entweder eine Deflation durchzustehen oder ihre Produktivität zu steigern. Nur so können sie wieder wettbewerbsfähig werden. Im vergangenen Jahr haben wir während der französischen und italienischen Wahlkampagnen bereits giftige Kritik an den Auflagen gehört, die der Euro mit sich bringt. Wie viel lauter wird der politische Lärm werden, wenn die mediterranen Mitgliedstaaten zu einer längeren Phase schwachen Wachstums oder gar einer Rezession verurteilt werden, weil ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr ausreicht? Wie soll Italien seine prekären öffentlichen Finanzen in Ordnung bringen, wenn die heimische Wirtschaft stagniert? Und was geschieht mit einem Land wie Spanien, wenn sein bereits bestehendes Wettbewerbsproblem durch die Folgen einer geplatzten Immobilienblase verschärft wird?

Europas absehbare Sorgen machen es umso notwendiger, dass die asiatischen Währungen zumindest einen Teil der Last schultern, die ein weiter geschwächter Dollar auslöst. Doch wenn man sieht, wie diese sich in der jüngsten Vergangenheit verhalten haben, sollte man darauf tunlichst keine Wette eingehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%