Der Ökonomische Gastkommentar
Energiebörsen brauchen mehr Transparenz

Fast zehn Jahre ist es her, dass die Europäische Union die Liberalisierung des Energiemarktes angestoßen hat. Seither haben alle Mitgliedstaaten mit der Marktöffnung begonnen, allerdings mit sehr unterschiedlicher Intensität.
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In vielen Ländern sollen Strombörsen Angebot und Nachfrage im Großhandel bündeln und eine effiziente Preisbildung ermöglichen. Etwa zehn Energiebörsen gibt es derzeit in Europa. Die deutsche Energiebörse, die European Energy Exchance (EEX) mit Sitz in Leipzig, hat sich in den vergangenen Jahren im Stromgroßhandel zum führenden Marktplatz in Kontinentaleuropa entwickelt. 2006 wurden 20 Prozent des deutschen Stromverbrauchs über die EEX am Spotmarkt gehandelt, am Terminmarkt waren es etwa 25 Prozent. Der an der EEX festgestellte Preis gilt inzwischen als Referenzgröße für viele bilaterale Verträge. Damit hat die Börse eine zentrale Funktion für die Preisbildung eingenommen und das nach Aussagen von Marktteilnehmern nicht nur für Deutschland, sondern immer mehr auch für andere europäische Märkte.

Freude darüber will sich bei einem Teil der Marktteilnehmer jedoch nicht einstellen, besonders nicht, seitdem die Strompreise wieder deutlich gestiegen sind. Private Verbraucher und vor allem gewerblich-industrielle Kunden, deren Stromkosten ganz erheblich vom Großhandelspreis beeinflusst werden, klagen über die Börsenpreise, die zum Teil weit oberhalb der brennstoffbezogenen Gestehungskosten liegen. Adressaten der Kritik sind vor allem die großen Stromerzeugungsunternehmen. Preistreiberei und Kapazitätszurückhaltung lauten die Vorwürfe in Stichworten. Niemand kann über das weit verbreitete Misstrauen und die vielen unbewiesenen Vorwürfe glücklich sein. Die kostenorientierte Sicht hat eine gewisse Berechtigung, weil wir es bei Strom mit einer Ware zu tun haben, die Infrastrukturcharakter hat, leitungsgebunden ist und grundsätzlich nicht gespeichert werden kann. Sie ist daher nicht mit anderen vergleichbar. Das gilt auch für die Marktstruktur auf der Erzeugungsseite, die in Deutschland wie in andern europäischen Ländern überwiegend wenige große Anbieter bestimmen. Doch es war erklärtes Ziel der Liberalisierung, den Handel auf breiter Basis in Gang zu bringen und einen liquiden Markt zu schaffen, der zu Preisen führt, die allen Seiten eine verlässliche Grundlage für ihre ökonomischen Entscheidungen liefern.

Das bedeutet aber auch, dass für den Stromgroßhandel nicht mehr ausschließlich die Kosten der (nationalen) Erzeugungsstruktur ausschlaggebend sind. Der Handel wird vielmehr von neuen, nicht primär an der Stromlieferung orientierten Marktteilnehmern, z. B. Banken, betrieben und ist zugleich immer stärker europäisch angelegt. Diese Entwicklung zeigt sich an den Börsen, im bilateralen Handel und vor allem im stark wachsenden Terminmarkt. Die bisherigen Erfahrungen mit Energiebörsen machen es notwendig, die Voraussetzungen für mehr Wettbewerb im Handel weiter zu verbessern. Das ist eine eigenständige Aufgabe, unabhängig von der angemessenen Marktstruktur in der Erzeugung oder Fragen des Netzzugangs. Dazu gehört es, die Handelsregeln mit Blick auf eine marktgerechte Preisbildung ständig zu überprüfen und zu optimieren. Mehr Markttransparenz und damit auch mehr Vertrauen in den Preisbildungsprozess kann die Börse jedoch nicht allein herbeiführen, weil der Strom- und Stromderivatehandel überwiegend außerbörslich stattfindet und weil der Börse nichtbörsliche Marktinformationen fehlen, die für einen effizienten Handel entscheidende Bedeutung haben: Informationen über das aktuelle Stromangebot, die Kapazität und die tatsächliche Erzeugung ebenso wie Daten über die Nachfrage, z.B. die Netzlast.

Diese Informationen sind wichtig, weil sie einen Ausgleich zwischen den großen Erzeugern und anderen Marktteilnehmern schaffen und damit Marktmacht begrenzen. Leider sind wir von guten und verbindlichen Informationsstandards im Stromgroßhandel noch weit entfernt. Erste freiwillige Initiativen gibt es, die aber nicht ausreichen. Notwendig sind gesetzliche Veröffentlichungspflichten. Auch die EU-Kommission kritisiert die mangelnde Markttransparenz und hat verbindliche Leitlinien angekündigt. Wir brauchen auch angemessene Aufsichtsstandards für diese neuen Märkte. An der Diskussion über die EEX-Preise zeigt sich beispielhaft, dass der Vorwurf des Marktmissbrauchs weder belegt noch klar widerlegt werden kann, denn es fehlt an wirksamen Kontrollmöglichkeiten, um mögliche Marktmanipulationen aufdecken zu können. Die Erfahrung der sächsischen Börsenaufsicht zeigt, dass auffälliges Handelsverhalten von Börsenteilnehmern feststellbar ist. Es ist aber nicht möglich, das gesamte Marktverhalten einschließlich der außerbörslichen Geschäfte zu untersuchen.

Hier fehlt es an Meldepflichten und an Insiderregeln, wie sie etwa im Aktienhandel üblich sind. Die Aufsichtsstandards auch für den Stromgroßhandel müssen weiterentwickelt werden. Sachsen hat bei der Umsetzung der EU-Finanzmarktrichtlinie auf die gesetzlichen Lücken bei der Marktaufsicht im Energiehandel hingewiesen. Der Bundesrat hat in einem von Sachsen vorgelegten Entschließungsantrag die Bundesregierung einstimmig aufgefordert, die Aufsichtsstandards für Waren- und Warenderivatebörsen, besonders im rasch wachsenden Energiehandel, weiterzuentwickeln und an die bewährten Standards im Wertpapierbereich anzugleichen. Energiebörsen können, wie Börsen in anderen Märkten auch, ein wichtiges Element sein, um den Wettbewerb im Stromsektor zu intensivieren und die Marktintegrität zu erhöhen. Sie können diese Funktion aber nur dann wirksam erfüllen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

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