Der ökonomische Gastkommentar: Ernüchterung statt Enthusiasmus

Der ökonomische Gastkommentar
Ernüchterung statt Enthusiasmus

Beim Übergang auf die internationale Bilanzierung wurde in Fachkreisen die IFRS-Rechnungslegung (International Financial Reporting Standards) enthusiastisch gefeiert.

Im Vergleich zu der als konservativ und provinziell abgewerteten Bilanzierung nach den Regeln des Handelsgesetzbuches (HGB) wurde sie als überlegen eingestuft und die Rechnungslegung nach HGB als Auslaufmodell betrachtet. Es wurde argumentiert, dass im IFRS-System die Bilanzpolitik erheblich eingeschränkt oder gar ausgeschlossen sei. Und es wurde suggeriert, mit der Einschränkung der bilanzpolitischen Instrumente sowie einer erhöhten Vergleichbarkeit und Transparenz würden die bilanzanalytischen Möglichkeiten verbessert. Das IFRS-Recht schränkt in der Tat, und dies ist klar zu begrüßen, die gesetzlichen Wahlrechte in der Bilanzierung und Bewertung merklich ein. Gleichwohl werden sie nicht ganz ausgeschlossen. Mit der IFRS-Bilanzierung geht jedoch eine ganz neue Dimension der Bilanzpolitik einher: Eine bislang nicht gekannte Flut unbestimmter Rechtsbegriffe eröffnet neue Möglichkeiten der Bilanzpolitik. Unbestimmte Rechtsbegriffe sind nicht nur mehrdeutige, sondern auch vage Begriffe und führen zwangsläufig zu Auslegungsschwierigkeiten. Es gibt keinen einzigen Standard, der nicht eine Fülle unscharfer und damit interpretationsbedürftiger Begriffe enthält. Bislang hat sich noch keine einheitliche Meinung zur Auslegung dieser unbestimmten Begriffe gebildet.

Im Vergleich zum HGB-Bilanzrecht sind die IFRS-Normen wesentlich zukunftsorientierter ausgerichtet. Sie bauen in deutlich größerem Umfang auf den subjektiven Schätzungen des Managements auf und verlangen verstärkt die Abschätzung künftiger Cash-Flows sowie eine Voraussage über deren Zeitpunkt und Sicherheit des Entstehens. Damit erhöht sich auch das subjektive Ermessen, so dass zusätzliche Dimensionen der Bilanzpolitik auftreten. Die Zukunftsorientierung führt zwangsläufig zu Intervall- sowie Bandbreitenschätzungen und eröffnet die Gefahr, dass der Bilanzierende den Abschlussdaten falsche Zukunftserwartungen zu Grunde legt. Mit der Aushöhlung und Aufweichung traditioneller Rechnungslegungsgrundsätze sind zusätzliche Interpretationsspielräume verbunden, die insbesondere durch die Eröffnung faktischer Wahlrechte zur bilanzpolitischen Gestaltung geradezu einladen. Das traditionelle Nominalwertprinzip zum Beispiel wird teilweise durch die Fair-Value-Bewertung substituiert. Da sich aber in der Praxis in fast allen Fällen keine eindeutigen Fair Values ermitteln lassen, erweist sich diese Bewertung als gefährlicher Etikettenschwindel.

Ähnlich ist die Aufweichung des Realisationsprinzips zu werten. Dieses Prinzip wird nach HGB bedeutend strenger und konservativer ausgelegt und führt nach IFRS tendenziell früher zur Realisation von Erträgen. Wirtschaftsprüfungsexperte Jens Wüstemann spricht zutreffend von Regelungsinkonsistenzen, Regelungsunschärfen und Regelungslücken des IFRS-Bilanzrechts. Während über gesetzliche Wahlrechte regelmäßig im Anhang berichtet werden muss, vollzieht sich die neue Bilanzpolitik – trotz einer ansonsten im IFRS-Recht ausufernden Flut von Angaben – still und anonym an der Berichterstattung vorbei und bleibt somit für den Bilanzanalysten unerkennbar. Damit verbunden ist zwangsläufig eine Zunahme der asymmetrischen Informationsverteilung zwischen dem Bilanzpolitik nutzenden Bilanzierer und dem Bilanzanalysten, so dass auch das Spannungsverhältnis zwischen Bilanzanalyse und Bilanzpolitik vergrößert wird.

Im HGB-Bilanzrecht konnte die Bilanzpolitik häufig auf Grund der Auswahl der in Anspruch genommenen gesetzlichen Wahlrechte bewertet werden. Wenn das offensichtliche bilanzpolitische Instrumentarium stets einseitig Gewinn erhöhend oder Gewinn mindernd ausgewählt wurde, sprach viel dafür, dass auch das stille Gestaltungspotenzial in der gleichen Richtung entweder konservativ oder progressiv eingesetzt wurde. Denn ansonsten würden die Wirkungen einzelner Maßnahmen konterkariert, und die bilanzpolitischen Instrumente stünden sich vom Ergebnis her diametral entgegen. Nun vollzieht sich die Bilanzpolitik weitgehend still und anonym. Weil eben der Bilanzanalyst die neue Bilanzpolitik kaum oder nicht mehr erkennen kann, muss sie auch als gefährlicher für die Unternehmensprüfer und den Analysten bezeichnet werden.

Die Bilanzanalyse wird damit in zweifacher Weise schwieriger: Denn zusätzlich zum erhöhten Gestaltungspotenzial wird sie mit einer verringerten Erkennbarkeit der bilanzpolitischen Maßnahmen konfrontiert. Diese Stille und Anonymität im IFRS-Bilanzrecht kann auch dazu führen, dass sich Unternehmenskrisen nicht mehr langfristig ankündigen, sondern erst dann erkannt werden, wenn der Zusammenbruch eines Unternehmens bereits unvermeidbar ist. Auf Grund meiner täglichen Auseinandersetzung mit dem neuen IFRS-Recht und der konkreten Bilanzierungspraxis ergeben sich für mich zwingend folgende Schlussfolgerungen: Im IFRS-Recht ist eine Erhöhung und keine Verminderung des bilanzpolitischen Gestaltungspotenzials zu konstatieren. Die Bilanzpolitik erhält eine neue Dimension, da sie sich verstärkt still und unerkennbar vollzieht. Die Bilanzanalyse wird schwieriger statt einfacher. Denn auf Grund der Polarität zwischen Bilanzpolitik und Bilanzanalyse führt eine Ausweitung des bilanzpolitischen Instrumentariums zu einer schwierigeren Bilanzanalyse. Diese Thesen stellen die bislang in der Literatur überwiegend vertretenen Ansichten zum Stellenwert und zur Bedeutung der Bilanzanalyse und Bilanzpolitik im HGB- und IFRS-Bilanzrecht geradezu auf den Kopf.

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