Der ökonomische Gastkommentar
Es lebe die Hausbank!

  • 0

Die Finanzmarktkrise rüttelt an manchen vermeintlichen Weisheiten des modernen Bankwesens. Doch zugleich lässt sie die Vorteile einer von einigen bereits totgesagten Geschäftsphilosophie hervortreten: Das Hausbankprinzip ist wieder attraktiv.

Der Grund liegt auf der Hand. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten resultieren größtenteils aus dem gegenseitigen Misstrauen der Marktteilnehmer. Vertrauen zum Geschäftspartner ist plötzlich ein kostbares Gut. Vertrauen entsteht aber in erster Linie durch langjährige Zusammenarbeit. Genau dies ist die Essenz des Hausbankprinzips: eine enge, langfristige Verbindung zwischen Bank und Unternehmen.

Gerade in Deutschland hat dies Tradition. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten Banken den Unternehmen in immensem Umfang Kapital zur Verfügung und finanzierten so das Wirtschaftswunder. Die daraus resultierenden Bande begannen sich Mitte der 80er-Jahre mit der Globalisierung zu lösen. Eine Triebfeder war die allmähliche Verlagerung der Unternehmensfinanzierung vom Bankkredit auf die Anleihefinanzierung an den Kapitalmärkten. Zugleich stieg der Bedarf der Unternehmen an modernen Finanzdienstleistungen. Auch der Mittelstand benötigte Unterstützung im Auslandsgeschäft und derivative Finanzprodukte, um etwa Zins- und Währungsrisiken abzusichern. All dies führte zu einer Lockerung des Hausbankprinzips, weil die Unternehmen einzelne Produkte bei „Spezialisten“ einkauften.

Diese Entwicklung lässt leicht vergessen, dass es für eine enge Zusammenarbeit zwischen Bank und Unternehmen gute Gründe gibt. Zum Beispiel die Informationsasymmetrie: Ein Unternehmen weiß über sich selbst, seine Branche und seine Ertragserwartungen viel besser Bescheid als die Bank. Der Kreditgeber muss – wenn er verantwortungsvoll wirtschaftet – diese Unsicherheit über Puffer, etwa bei der Bewertung von Sicherheiten, ausgleichen. Dieser Aspekt spielt gerade in Wachstumsphasen eine enorme Rolle, wenn bei Unternehmen hoher Kapitalbedarf besteht, die Erträge aber erst mit zeitlicher Verzögerung folgen und entsprechend risikobehaftet sind. Wie seriös ist die Planung des Managements? Hat die Führungsriege die nötige Ausdauer, ziehen die Mitarbeiter mit? Diese Faktoren kann eine Bank bei einer langfristigen Zusammenarbeit viel besser beurteilen und so Chancen und Risiken des Kundeninvestments weit genauer einschätzen. Ohne diese Kenntnis besteht für den Kreditgeber eine zusätzliche Hürde, die Sicherheitsabschläge erfordert oder sogar den Verzicht auf ein Engagement.

Der Begriff Kredit kommt vom Lateinischen „credere“, was übersetzt „vertrauen“ bedeutet. Eine Kreditbeziehung braucht eine Vertrauensbasis. Diese wächst mit der Dauer der Zusammenarbeit und durch einen stetigen Austausch von Informationen. Dabei entstehen bilateral Informationskosten. Langfristige Beziehungen minimieren diese Kosten auf beiden Seiten. Es ist also weder für die Bank noch für den Kunden attraktiv, wenn die Karten ständig neu gemischt werden.

Erst recht zum Tragen kommt eine Hausbankbeziehung in Krisensituationen. Unternehmen erwarten zu Recht, dass ihre Bank gerade in turbulenten Zeiten zu ihnen hält. Zu beobachten ist, dass manches Kreditinstitut sein Unternehmenskundengeschäft sehr zyklisch betreibt. In der Branche verwendet man das Bild vom Regenschirm, der bei Sonnenschein geöffnet bleibt und beim ersten Regen zuklappt. Damit ist den Unternehmen nicht gedient. Sie brauchen stabile Partnerschaften, die auch in schweren Zeiten ihre Liquidität sicherstellen. Die Erfahrung lehrt, dass Hausbanken in Krisenzeiten loyaler zu ihren Kunden stehen. So zeigte eine Untersuchung auf Basis der Auswertung von Kreditakten, dass eine Hausbank bei Verschlechterung der Bonität des Kunden wie eine Liquiditätsversicherung wirkt und der Finanzierungsanteil der Hausbank steigt, während der der Nicht-Hausbanken sinkt.

In der aktuellen, von Finanzmarktverwerfungen geprägten Zeit potenzieren sich diese Vorteile. Die Belastungen reduzierten etwa bei manchen Banken das Eigenkapital. Folglich müssen diese stärker auswählen, wem sie Kredite geben, die mit Eigenkapital zu unterlegen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass sie ihre Stammkunden bevorzugt bedienen. Zudem ist kaum zu übersehen, dass große Teile der Kreditwirtschaft wieder risikobewusster agieren als noch vor wenigen Monaten. Am ehesten wird man Risiken mit solchen Kunden eingehen, die man gut kennt – also den Unternehmen, bei denen die Bank Hausbank ist.

Aber auch die Banken profitieren vom Hausbankmodell. Der laufende Wechsel in der Geschäftspolitik – in Krisenzeiten raus aus Kreditgeschäften, in Boomzeiten wieder rein – verursacht Kosten, etwa für die Akquisition neuer Kunden. Wesentliche Voraussetzung für eine lohnende Hausbankbeziehung ist indes ein weit gefächertes Leistungsangebot der Bank. Mittelständische Unternehmer erwarten weit mehr als nur langfristige Kredite. Umgekehrt kann keine Bank allein vom Kreditgeschäft leben. Doch gerade die enge Beziehung zum Kunden und die genaue Kenntnis seiner Bedürfnisse erleichtern den Absatz weiterer Produkte, das so genannte Cross-Selling. Dazu zählen etwa die Begleitung von Unternehmen ins Ausland, ein kundenorientiertes Kapitalmarktgeschäft oder Dienstleistungen wie Leasing, Factoring und das Beteiligungsgeschäft. Wenn eine Bank ein solch umfassendes Leistungsspektrum bieten kann, wird sie für ein Unternehmen als Hausbank moderner Prägung zu einer strategischen Konstante in Wachstums- und Veränderungsprozessen.

Kommentare zu " Der ökonomische Gastkommentar: Es lebe die Hausbank!"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%