Der ökonomische Gastkommentar
Falsche Theorien – falsche Therapien

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Als wollte man einen Drogensüchtigen mit mehr Drogen heilen, will man die Finanzkrise mit just denselben Maßnahmen bekämpfen, durch die sie produziert wurde. Niedrige Zinsen und unlimitierter Kredit haben das Desaster ermöglicht. Noch nie in der Geschichte konnte man mit denselben Methoden ein Problem lösen, durch die es entstanden ist. „Mehr vom selben“ funktioniert nie. „Neu und anders“ muss die Maxime lauten.

Die eigentliche Ursache der Krise ist die seit rund 15 Jahren andauernde Fehlleitung der Unternehmensführung, die auf der falschen, in den USA entstandenen Theorie von Shareholder-Value und Wertsteigerung beruht und sich in Zehntausenden von MBA-Programmen rund um die Welt verbreitet hat.

Wertsteigerung erzielt man bekanntlich durch Ausnutzung des Leverageeffektes. Mit möglichst hohen Schulden, vornehm als Kredit bezeichnet, wird die Eigenkapitalrendite maximiert. Wenn außerdem zwecks Gewinnsteigerung Investitionen und Innovation reduziert sowie Marketing, Personalausbildung und Managemententwicklung heruntergefahren werden, wachsen die Gewinne in jene Höhen, die Shareholder, gestützt auf die Finanzanalysen, erwarten.

Da die Einkommen der Manager an die Aktien- und Optionskurse gekoppelt sind, entsteht ein System, das von sogenanntem positivem Feedback dominiert wird. Das ist ein System, das sich von innen her aufschaukelt und kontinuierlich instabiler wird. Auf der Ebene der Finanzkennziffern lässt sich das nicht erkennen, denn diese sehen umso besser aus, je größer die Kollapsgefahr des Systems ist. Man benötigt Methoden und Instrumente der Komplexitäts- und Systemanalyse, um das zuverlässig und früh genug zu erkennen. Mit den Denkweisen und Methoden von Finanzanalyse und betriebswirtschaftlicher Bewertung können solche systemimmanenten Entwicklungen nicht identifiziert werden.

Die gesamtwirtschaftliche Legitimierung der heutigen Finanzkrise wurde durch die ebenfalls in den USA entstandene Wealth Creation Theory geliefert. Sie präsentiert sich als der ultimative Königsweg zu ewigem Reichtum. Kurz gesagt empfiehlt sie: Mache Kredit billig und unbegrenzt verfügbar, damit die Leute von allem viel mehr kaufen, als sie sich eigentlich leisten können. Durch die steigenden Werte von Immobilien, Aktien und Investmentfonds werden die immer höheren Schulden bedeutungslos. Je mehr die Werte steigen, umso mehr zusätzliche Kredite können aufgenommen werden. Damit werden weitere Assets gekauft, und zusätzlich wird konsumiert, was die Wirtschaft unbegrenzt ankurbelt.

Die durch Papiergewinne besicherten Kredite, besonders die Hypothekarkredite, werden durch Verbriefung an die Börse gebracht, womit noch einmal verdient und das Risiko anonymisiert wird. Weil die Bilanzen auf beiden Seiten immer gleich sind, entstand die Illusion, sie seien auch gut. Die immer komplizierter werdenden Risk-Management-Systeme vermittelten die Überzeugung, dass alle Risiken gedeckt seien und nichts passieren könne.

Hier steckt der Irrtum, der dazu führt, dass die systemischen Risiken im Finanzsystem übersehen oder unterschätzt werden – was anscheinend auch den 3 000 Revisoren einer Schweizer Großbank passiert ist, weswegen die Top-Banker sich überrascht gaben, als die Milliarden faul wurden. Es entstand ein System, das in seinem eigenen Denken gefangen ist und dieses ständig durch sich selbst bestätigt – ein perfekt ausgearbeitetes Wirtschaftsmodell, das, bildlich gesprochen, dem Scheibenmodell der Erde oder dem geozentrischen Weltbild entspricht. Die Risiken sind, wie offenkundig wird, ins Astronomische gewachsen. Das Denken und Verstehen der Komplexität des Systems und seiner inneren Gesetzmäßigkeiten ist aber zurückgeblieben, sonst hätte man nicht überrascht werden können.

Um die Finanzkrise zu verstehen, muss man die Vorstellung von Werten und Wertsteigerung aufgeben. Es gibt keine ökonomischen Werte. Der „Wert“ eines ökonomischen Gutes ist der Preis, den der nächste Käufer zu bezahlen bereit ist. Was der vorherige Käufer bezahlt hat, ist irrelevant.

Die zuvor durch exzessive Verschuldung gestiegenen „Werte“ enthüllen ihren wahren Charakter, sobald die Schulden liquidiert werden müssen, was durch sinkende Preise unausweichlich erzwungen wird.

Allerdings wären niedrigere Preise allein kein wirkliches Problem, hätte man Aktien und Immobilien nicht vorher auf Kredit erworben. Eine Kreditquote von 50 Prozent steigt bei Sinken des Preises um bescheidene zehn Prozent bereits auf 62,5 Prozent. Damit kommen automatisch die Nachbesicherungsklauseln zum Zug, das heißt, der Schuldner muss für Deckung sorgen, um die Kreditquote wieder zu senken.

Das kann er durch neuen Kredit erreichen, der in dieser Situation aber nur noch schwer zu beschaffen sein wird, selbst wenn die Zinsen niedrig sind. Wenn er keinen Kredit bekommt, ist er zu verkaufen gezwungen. Weil potenzielle Käufer um seine Lage wissen, halten sie sich zurück. Attentismus macht sich im System breit, der Verkaufsdruck wird immer größer, man verkauft zu jedem Preis, um die Schulden bezahlen zu können. Gelingt das nicht, ist Zwangsliquidierung die Folge.

Das System des Kapitalismus ist nicht durch den Gewinn definiert, wie man allgemein glaubt, sondern durch den Zwang, bei Fälligkeit die Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein System mit dem Zwang, eingegangene Verpflichtungen zu erfüllen. Nicht Bedürfnisse und Wünsche, auch nicht Geld regiert die Welt, sondern die Logik der Verschuldung – und das Wissen, wie man mit ihr umgeht.

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