Der ökonomische Gastkommentar
Für die Praxis und mit Praktikern

Eine neue Welle durchzieht die Hochschulpolitik: Auch ohne Abitur soll ein Studium möglich sein. Nun ist dies bereits jetzt möglich. Allerdings sind die Zulassungsvoraussetzungen und dementsprechend auch der Anteil beruflich Qualifizierter ohne formale Hochschulreife in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Er liegt zwischen 0,01 Prozent in Sachsen und 2,89 Prozent in Hamburg.
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Der aktuelle Grund für die Forderung aus Wirtschaft und Industrie ist der Fachkräftemangel, vor allem im Bereich der Ingenieurberufe. Trotz einer hohen Gesamtzahl der Studierenden von etwa zwei Millionen gibt es für bestimmte Branchen zu wenige Absolventen. Hier allerdings wirkt sich eine über Jahrzehnte anhaltende Vernachlässigung der Fächer im naturwissenschaftlichen Bereich in den Schulen aus. Wenn Fächer wie Physik oder Chemie in einem Schuljahr nicht im Lehrplan erscheinen, also nicht durchgehend unterrichtet werden, darf man sich nicht darüber wundern, dass das Interesse der Schüler dafür entweder nachlässt oder gar nicht erst geweckt wird.

In Vergessenheit scheint auch geraten zu sein, dass vor gar nicht allzu langer Zeit zum Beispiel vor einem Studium der Physik gewarnt wurde. Die plakative Horroraussage lautete: Später werden Physiker entweder Tankwart oder Taxifahrer. Hemmend wirkt sich auch eine immer noch verbreitete und von manchen Lehrern in den Schulen geschürte Skepsis gegenüber Technik und deren Errungenschaften aus. Als es den Betrieben der Bauindustrie wirtschaftlich schlechtging, wurden Bauingenieure reihenweise entlassen. Selbst hochqualifizierte Jung-Akademiker fanden keine Anstellung. Da darf man nicht überrascht sein, wenn der Zulauf zu solchen Studiengängen nachgelassen hat. Die Folge ist dann, getreu dem hinreichend bekannten Schweinezyklus in der Agrarwirtschaft, dass es später an Absolventen fehlt. Krampfhaft wird nun versucht, im Eilverfahren Abhilfe zu schaffen: durch Öffnung der Hochschulen für Bewerber ohne förmliche Hochschulreife. Seinerzeit ist dies nicht zuletzt auf Betreiben des Handwerks nach dem Motto „Studium auch ohne Abitur“ eingeführt worden. Wenn man jetzt darin vor allem die Chance sieht, dem drohenden Fachkräftemangel an Ingenieuren zu begegnen, so zeigt dies erneut, wie versucht wird, Fehler auszubügeln, die eine angeblich fortschrittliche Hochschulreform produziert hat.

Bis vor dreißig Jahren hatten Absolventen einer beruflichen Ausbildung die Möglichkeit, eine Ingenieurschule zu besuchen. Indem man diese Einrichtungen in Fachhochschulen umbenannt und sie durch das Erfordernis der Fachhochschulreife beziehungsweise des Abiturs beim Zugang „aufgewertet“ hatte, wurde dieser Weg verschlossen. Die Folgen sind zu besichtigen: Die Fachschulen versuchen, sich den Universitäten anzunähern („universities of applied sciences“), und befähigte Absolventen des dualen Systems schauen in die Röhre. Das ließe sich schnell korrigieren, indem die Voraussetzungen für einen Zugang zu den Fachhochschulen verändert würden. Während sich einzelne Repräsentanten der Universitäten wie in Berlin in Erklärungen überbieten, die Universitäten weiter zu öffnen, gehen die Fachhochschulen auf Tauchstation. Ihnen würde es obliegen, mit konstruktiven Vorschlägen aufzuwarten.

So könnten die Fachhochschulen belegen, dass es ihnen mit ihrem immer wieder geäußerten Credo „für die Praxis und mit Praktikern“ ernst ist. Stattdessen bleiben sie in Deckung, und zwar aus höchst durchsichtigen Motiven. Würden bei dieser Hochschulart die Zugangsvoraussetzungen im Verhältnis zu den Universitäten verändert, so würde dies einen „Rückschlag“ bei dem Bemühen ihrer Lobbyisten bedeuten, sich mit den Universitäten möglichst auf die gleiche Stufe zu stellen. Dahinter verbirgt sich nicht nur eine Status-, sondern auch eine Besoldungsfrage. Auch die Universitäten verhalten sich widersprüchlich. Haben ihre Repräsentanten denn vergessen, dass sie noch vor kurzem den hohen Anteil von Studienabbrechern zu beklagen wussten? Und zwar deshalb, weil diese den Anforderungen nicht gewachsen waren? Die fehlende Studierfähigkeit ist immer wieder dann ein Thema, wenn das Niveau von Ausbildung und die hohen Zahlen von im Examen Gescheiterten Schlagzeilen machen.

Wie sollen denn angesichts der bereits bestehenden Überlast Kräfte freigesetzt werden, die sich mit speziellen Angeboten um Kandidaten kümmern, die ohne die übliche Hochschulreife aus dem Beruf kommen? Wenn man mehr Studierende an die Hochschulen locken will, dürfen solche Gegebenheiten und daraus abgeleitete Forderungen nicht außer Betracht bleiben. Das gilt auch für die Perspektiven der Absolventen. So gibt es in einigen sozial- und kulturwissenschaftlichen Studiengängen ausgesprochen schlechte Berufschancen. Die Formel von der „Generation Praktikum“ kommt nicht von ungefähr. Es hilft den Betroffenen wenig, wenn erklärt wird, „im Schnitt“ hätten Akademiker insgesamt bessere Gehaltsaussichten und ein geringeres Risiko, arbeitslos zu werden. Das mag aktuell zutreffen. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass sich Betroffene dafür nichts „kaufen“ können.

Kurzfristig ändert sich im Übrigen nichts an dem von der Wirtschaft beklagten Mangel an Ingenieuren. Deshalb bleibt es für die mittelfristige Perspektive richtig, im Beruf bewährten Kräften den Zugang in erster Linie zu den Fachhochschulen zu erleichtern. Allerdings sollte die Verbindung von ausgeübtem Beruf und angestrebtem Studium nicht außer Acht bleiben. Schließlich bleibt auch zu bedenken, inwieweit das Abitur „entwertet“ werden darf.

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