Der ökonomische Gastkommentar
Handkuss hin oder her

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das deutsch-französische Verhältnis ist mit Blick auf die „Affaire Airbus“ nachhaltig gestört. Unterhalb der rituellen Schwelle des präsidialen Handkusses für Bundeskanzlerin Merkel herrscht Misstrauen.

Auf deutscher Seite ist man überzeugt, dass im Fall des angeschlagenen Airbus-Unternehmens die Franzosen eher eigene nationale Interessen schützen, anstatt das Flugzeugunternehmen als Teil des „Mutterhauses“, des Systemintegrators EADS, europäisch aufzustellen und für den internationalen Wettbewerb mit dem amerikanischen Konkurrenten Boeing fit zu machen.

In Berlin erinnert man sich gut: Es ist nämlich nur wenige Monate her, dass der damalige französische EADS-Co-Chef Noël Forgeard unter anderem wegen seines Anspruchs, Airbus allein führen zu wollen, gefeuert worden ist. Und nun führt der Franzose Louis Gallois Airbus. Und er fungiert gleichzeitig als EADS-Co-Chef! Mit anderen Worten, die bislang gültige „Über-Kreuz-Verantwortung“ – ein Franzose berichtet an einen Deutschen und umgekehrt – ist im Fall von Airbus aufgehoben. Und dabei erzielt Airbus etwa zwei Drittel des gesamten Umsatzes von EADS.

Auf deutscher Seite besteht die Befürchtung, eine französisch dominierte Airbus-Spitze könnte die notwendige Sanierung, beispielsweise bei der Frage, wie viele Auslieferungsstätten es für den neuen Großraum-Flieger „A800“ denn geben muss, auf Kosten des Standortes Hamburg vornehmen. Hierzu Gallois: „Man kann nicht länger an einem System festhalten, das in der Kommandokette von Airbus mit verborgenen nationalen und parallelen Hierarchien arbeitet.“ Was heißt dies genau für die deutschen Interessen? Und wie können diese am besten gewahrt werden?

Mit Blick auf Airbus nimmt Deutschland gegenwärtig eine defensive Position ein: Schutz der Arbeitsplätze am Airbus-Standort Hamburg! Allerdings fehlt es an einer nationalen Strategie zur langfristigen Entwicklung der EADS. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Wenn sich beispielsweise die Stadt Hamburg um Aktienanteile an EADS bemüht, dann tut sie dies vornehmlich mit Blick auf den Airbus-Standort. EADS ist aber nicht allein Airbus!

Das Unternehmen hat einen bedeutenden Verteidigungsbereich, der vom deutschen Co-Chef Tom Enders geführt wird. Und aus deutscher Sicht ist der Bereich „EADS Verteidigung“ ebenfalls von strategischer Bedeutung. Denn über 50 Prozent der Ausgaben für die nationalen militärischen Investitionen in Höhe von gut vier Milliarden Euro jährlich gehen schließlich an EADS. Großprojekte wie das Kampfflugzeug „Eurofighter“, die Hubschrauber der Typen „Tiger“ und „NH 90“, das künftige Transportflugzeug „A400M“ sowie verschiedene Lenkflugkörper werden von EADS oder von Unternehmen, an denen EADS beteiligt ist, durchgeführt. Daher ist es notwendig, dass die deutschen Interessen gleichermaßen an EADS und Airbus ausgerichtet werden. Doch dies ist bislang nicht der Fall.

Die Grundkonstruktion von EADS beruht auf einem deutsch-französischen Gleichgewicht bei den Anteilseignern sowie im Top-Management. Dieses Gleichgewicht ist bei Airbus gestört, und es wird vom deutschen Haupt-Anteilseigner, Daimler-Chrysler, nicht langfristig garantiert. Ursprünglich hielten beide Seiten, also Daimler-Chrysler auf der einen, die Unternehmensgruppe Lagardère und der französische Staat auf der anderen Seite, jeweils 33 Prozent an EADS. In der Zwischenzeit haben beide Seiten ihre Anteile auf jeweils 22,5 Prozent reduziert.

Daimler hat nie ein Hehl aus der Absicht gemacht, seinen Anteil langfristig und dauerhaft auf 15 Prozent zu verringern. Es geht also um 7, 5 Prozent, die, so der Pressesprecher der Bundesregierung, „in der deutschen Sphäre“ bleiben sollen. Damit soll gegenüber den Franzosen die Augenhöhe gewahrt bleiben. Und an dieser Stelle setzt die Diskussion über eine staatliche deutsche Beteiligung an EADS/Airbus an. Es geht um einen möglichen ordnungspolitischen Sündenfall.

Es ist richtig, dass die Bundesregierung aus ordnungspolitischen Gründen einer staatlichen Beteiligung grundsätzlich skeptisch gegenübersteht. Diese Einschätzung teilt der deutsche EADS-Chef Enders. Die Frage ist jedoch, ob man die Regierung in Paris davon überzeugen kann, den französischen Anteil an EADS zu verringern.

In Berlin gibt man sich kaum dieser Hoffnung hin. Denn diese würde alle französischen Instinkte des Etatismus ignorieren. Und daran würde die Wahl des neuen Staatspräsidenten im kommenden Frühjahr nichts ändern. Schließlich ist EADS/Airbus aus französischer Sicht eine „Industrie der Souverainité“!

Daher hat die Bundesregierung eine nachvollziehbare Rangfolge der Präferenzen aufgestellt: Zuerst sollte ein industrieller Investor gefunden werden, der die Daimler-Anteile übernimmt. Dabei könnte auch eine Gruppe von Airbus-Zulieferern zum Zuge kommen. An zweiter Stelle wäre ein Finanzinvestor zu finden, der die deutschen Interessen wahrt. Dieser Investor könnte mit der Gruppe von Airbus-Zulieferern zusammenarbeiten. Erst an dritter Stelle käme ein befristetes Engagement der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frage. Diese Option wäre so lange kein ordnungspolitischer Sündenfall, solange sie zeitlich begrenzt wäre, um das strategische Erstziel zu wahren: Augenhöhe mit den französischen Anteilseignern.

Es geht in Berlin um eine nationale Strategie für eine europäische Schlüsselindustrie. Und diese lässt sich nur in gleichberechtigter Partnerschaft mit Paris verfolgen: entweder auf jetzigem Niveau oder unter Rückzug beider Regierungen. Französischer Handkuss hin oder her!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%