Der ökonomische Gastkommentar
Jenseits des Klassenkampfes

Der Streik der Lokführer zeigt: Heute verläuft die entscheidende Frontlinie nicht mehr zwischen Arbeit und Kapital. Die Branchen marschieren lohn- und tarifpolitisch immer seltener im Gleichschritt. Diese Entwicklung ist zwangsläufig und unumkehrbar, meint Norbert Berthold in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.
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Die Welt des Korporatismus ist schon lange nicht mehr heil. Sein Herzstück, der Flächentarif, löst sich auf. Die Branchen marschieren lohn- und tarifpolitisch immer seltener im Gleichschritt. Auch die Unternehmen einer Branche suchen immer häufiger eigene Wege. Noch einen Schritt weiter gehen die Lokführer. Wie Piloten, Ärzte und Fluglotsen vor ihnen wollen sie im Unternehmen nicht mehr mit den anderen Arbeitnehmern über einen Kamm geschoren werden und fordern einen separaten Tarifvertrag.

Diese Entwicklung ist zwangsläufig und unumkehrbar. Stark unterschiedliche Entwicklungen in den Branchen machen die Pilotfunktion von Flächentarifen obsolet. Divergierende Entwicklungen der Unternehmen einer Branche erfordern dezentrale betriebliche Lösungen. Die steigende Heterogenität der Arbeitnehmer stellt schließlich das Prinzip der Tarifeinheitlichkeit in Unternehmen infrage. Eine veränderte ökonomische Realität erzwingt über kurz oder lang ein neues institutionelles Arrangement. Gegen das ökonomische Gesetz hat (verbands-)politische Macht keine Chance. Das hat Eugen von Böhm-Bawerk schon 1914 erkannt.

Die Lokführer tun gerade alles, den institutionellen Wandel zu beschleunigen. Damit ändert sich aber auch der Kampf der wirtschaftlichen Akteure um die Anteile am Sozialprodukt. Der Verteilungskampf der Zukunft findet weniger zwischen Arbeit und Kapital statt. Sondern Arbeitnehmer unterschiedlicher Qualifikationen kämpfen um möglichst große Stücke am volkswirtschaftlichen Kuchen.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und weltweit offeneren Gütermärkten hat sich das Arbeitsangebot auf der Welt mehr als verdoppelt. Der Eintritt von China und Indien in die internationale Arbeitsteilung hat die Entwicklung wesentlich beeinflusst. Arbeit gibt es im Überfluss, Kapital bleibt knapp. Der relative Preis des Kapitals steigt, der der Arbeit sinkt. Ein erster Anhaltspunkt für veränderte Machtverhältnisse ist die seit Anfang der 80er-Jahre in allen OECD-Ländern sinkende Lohnquote. Der Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital fällt aus, zumindest im privaten Sektor. Gewerkschaften verlieren weiter an Boden, amerikanische Verhältnisse halten Einzug.

Abgesagt ist der Verteilungskampf damit noch nicht. Schauplatz könnte der öffentliche Sektor werden. Dort tobt weder auf Güter- und Dienstleistungs- noch Arbeitsmärkten der Wettbewerb. Solche Verhältnisse sind aber ein Eldorado für die Jagd von Interessengruppen nach ökonomischen Renten: Französische und italienische Verhältnisse drohen. Der Verteilungskampf richtet sich zwar formal gegen die Arbeitgeber. Tatsächlich ist es aber ein Kampf gegen die Steuerzahler. Bei mangelndem Steuerwettbewerb könnte er langwierig und teuer werden.

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