Der ökonomische Gastkommentar
Spielplatz für Jongleure

Die Bundesregierung will die Prinzipien deutscher Bilanzierung aufweichen. Das sollte sie besser lassen – auch wenn die Bewertung zu aktuellen Zeitwerten, der eng mit der internationalen Rechnungslegung verbunden ist, einen gewissen Charme hat. Denn viele Banker sehen in den IFRS-Normen eine wesentliche Ursache der Bankenkrise. Ein Gastkommentar.
  • 0

Kaum ein Begriff ist so eng mit der IFRS-Rechnungslegung verbunden wie der Begriff des Fair Value; die Bezeichnungen als Flaggschiff, Hoffnungsträger oder Markenzeichen der internationalen Rechnungslegung belegen diese Aussage. Und in der Tat hat die Bewertung zu aktuellen Zeitwerten einen gewissen Charme, indem sie Marktnähe und einen stärkeren Zukunftsbezug suggeriert. Diese Vorteile scheinen einzuleuchten; zudem setzt der geschickt gewählte Terminus alle anderen möglichen Werte dem Verdacht aus, zumindest nicht in gleichem Maße fair zu sein.

Eine der tragenden Säulen des kontinentaleuropäischen Bilanzrechts wird mit dem Fair-Value-Konzept außer Kraft gesetzt: die Beachtung des Anschaffungs- und Herstellungskostenprinzips (= Nominalwertprinzip) als absolute bilanzielle Wertobergrenze. Denn bislang dürfen im HGB-Recht die Nominalwerte in keinem Fall überschritten werden. Nach IFRS können oder müssen Vermögenswerte mit dem Zeitwert bilanziert werden, auch wenn dieser höher als der ursprüngliche Buchwert ist. Eine gegebenenfalls vorzunehmende Wertkorrektur erhöht oder vermindert das Eigenkapital.

In der aktuellen Diskussion erfährt die Fair-Value-Bewertung einen neuen Höhepunkt: Viele Banker sehen in den IFRS-Normen eine wesentliche Ursache der Bankenkrise und fordern für die Bankenbilanzierung eine Aussetzung oder gar Aufhebung der Fair-Value-Bewertung. Auf der anderen Seite soll das Zeitwertkonzept auch Einzug in das deutsche Bilanzrecht halten, indem das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (= BilMoG), das die Regierung gerade vorgelegt hat, eine Bewertung der Finanzinstrumente zu Zeitwerten vorsieht. Darüber hinaus spielt der beizulegende Zeitwert auch erstmalig eine Rolle bei der Vornahme von außerplanmäßigen Abschreibungen. Damit ist die Fair-Value-Bewertung nicht mehr als Vision oder Alternative zu den bewährten deutschen Bilanzierungsnormen zu sehen, sondern sie soll traditionelle Bewertungsregeln ersetzen.

Eine Konfrontation der Fair-Value-Konzeption mit der praktischen Wirklichkeit lässt die so überzeugende theoretische Konzeption in einem ganz anderen Licht erscheinen. Für mehr als 95 Prozent aller Vermögenswerte besteht überhaupt kein objektiv nachprüfbarer Marktwert. Es gibt Bewertungsspannen von im Einzelfall bis über 50 Prozent. Lediglich für die Bilanzierung von börsennotierten Finanzinstrumenten kommt ein scheinbar echter Fair Value in Betracht. Jedoch zeigt die aktuelle Diskussion allzu deutlich, dass selbst hier Fragezeichen auftauchen. Im Bereich der Schuldenbewertung sind die Probleme noch größer.

Mit der Bewertung zu Zeitwerten kommt es zu Bilanzausweisen, die deutlich von subjektiven Elementen geprägt sind. Die mit dieser Konzeption verbundenen begrifflichen Unschärfen und der systemimmanente Zukunftsbezug werden zum Spielball der Bilanzjongleure. Es gibt zahlreiche Bewertungsebenen, so dass es den Fair Value als eindeutigen Wert schlechthin nicht gibt. Wer dies bejaht, muss Abschied vom Gedanken der objektiven Bilanz nehmen.

Seite 1:

Spielplatz für Jongleure

Seite 2:

Kommentare zu " Der ökonomische Gastkommentar: Spielplatz für Jongleure"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%