Der ökonomische Gastkommentar
Technologie, Talente und Toleranz

Deutschland, ein Wirtschaftswunderland? Seit Jahren erzielt die deutsche Wirtschaft wieder Bestnoten: „Beschäftigungsrekord“, „Exportweltmeister“ und „ungeahntes Wachstum“. Der einst „kranke Mann Europas“ ist nicht nur auf dem Weg der Besserung, sondern wandelt sich zum Antreiber in der Euro-Zone.

Deutschland ist zu einem der wichtigsten Standorte für ausländische Direktinvestitionen geworden. Die Anhänger der klassischen und reinen Lehre der Ökonomie sehen die Gründe für diese Entwicklung in den bekannten Formeln Senkung der Lohnnebenkosten, Lohnzurückhaltung und Kosteneffizienz. Das ist aber nur die eine Hälfte der Wahrheit. Ökonomie findet nicht nur in Modellen, Instrumenten und über Anreize statt.

Der anderen Hälfte der Wahrheit ist ein Forscherteam um den amerikanischen Wissenschaftler Richard Florida nachgegangen. Die Wissenschaftler haben eine „Neue Wachstumstheorie“ der Wirtschaft vorgelegt. Danach wird schnelles und nachhaltiges Wachstum entscheidend durch die Entdeckung neuer Ideen, den kreativen Prozess, beeinflusst. Jedes neu geschaffene Wissen schafft nach dieser Theorie Nebeneffekte, indem es die Produktivität anderer Wirtschaftssubjekte hebt und neue Produkte und Wirtschaftszweige schafft. Nicht die Größe, sondern die Kreativität eines Unternehmens entscheidet danach über die Wahrscheinlichkeit, ob neue Arbeitsplätze entstehen. Die Fixierung der Reformdiskussion allein auf den Arbeitsmarkt als Grund allen Übels geht an der eigentlichen Problematik vorbei.

Die zentralen Fragen lauten dagegen: Warum entwickeln sich manche Regionen und Städte, andere nicht, und warum fallen wiederum andere zurück? Neben klassisch ökonomischen Faktoren sind es zunehmend andere, die wichtig werden für den Erfolg einer Region oder Stadt. Richard Florida hat empirisch nachgewiesen, dass es die drei großen „T“ sind, die zur Attraktivität, ökonomischen Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit beitragen: Technologie, Talente und Toleranz. Jene Städte und Regionen, die in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung vorne liegen, zeichnen sich auch durch hohe Toleranzwerte und durch Faktoren wie zum Beispiel Familienfreundlichkeit aus. Es ist das kulturelle Klima, das kreative Leute anzieht oder abstößt. Zu spüren bekommen diesen Trend insbesondere Städte und Regionen. In der Wissenschaft spricht man von „Metropolregionen“. Es sind die Metropolen, die in den Städterankings der letzten Jahre deutlich zulegten. Die Globalisierung wird diesen Trend zum „Metropoly“ noch verschärfen. Die Geographie wird trotz Internet und Digitalisierung zum wichtigen Standortfaktor. Nähe und soziale Faktoren spielen eine erhebliche Rolle, wenn es um Wettbewerbsfähigkeit und Jobs geht.

Für die Wirtschaft werden Metropolen wichtiger, weil sie auf Grund ihrer Größe vieles haben, was die Unternehmen brauchen. Sie bieten ein dichtes Netz unternehmensnaher Dienstleistungen, internationale Flughäfen, Forschungseinrichtungen und ein vielfältiges Kulturangebot. Gerade in den innovativen Branchen ist der persönliche Austausch zwischen Forschern, Unternehmern und Politikern entscheidende Voraussetzung für eine rasche Umsetzung von Ideen in Produkte. Vier von fünf Patenten kommen von Personen und Unternehmen aus großen Städten. Es ist der kreative Mix aus den drei „T“, der oft den Ausschlag für den Erfolg einer Region oder Metropole gibt. „Kreative Leute erwarten Offenheit gegenüber Vielfalt und alternativen Lebensstilen“, sagt Florida. Für die Politik reiche es daher nicht aus, in Infrastruktur und Gründerzentren zu investieren. „Vielmehr müssen die Menschen das Gefühl haben, dass sie so sein können, wie sie wollen, und aus eigener Kraft Erfolg haben können.“

In der Politik setzt sich diese Botschaft erst langsam durch. Bislang sind es vor allem Kommunalpolitiker wie der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der mit dem Motto der weltoffenen Stadt wirbt. Eine Region wie Stuttgart nutzt so auch den Vorteil der Toleranz. In den USA fühlen sich mittlerweile viele ausländische, insbesondere arabische Investoren wegen der strengen Sicherheitskontrollen nicht willkommen. Die Politik der großen Koalition arbeitet zwar an den drei „T“, ohne daraus jedoch eine konzertierte Strategie zu formulieren. Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat eine ehrgeizige High-Tech-Strategie vorgelegt und besetzt damit das Feld „Technologie“ und „Talente“. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, hat das Thema „Vielfalt“ zum Leitbild des Jahres der Integration ernannt. Sie startet demnächst eine große Kampagne, die vor allem Betriebe und Unternehmen für mehr Toleranz und bunte Belegschaften gewinnen soll. Die Bundeskanzlerin selbst hat in ihrer Eröffnungsrede zur Deutschen Ratspräsidentschaft vor wenigen Wochen im Europäischen Parlament auf die Bedeutung der drei „T“ für nachhaltiges Wachstum hingewiesen. Wissenschaftlich-technischer, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt bedingen einander, lautete die Botschaft der deutschen Regierungschefin.

Die Vereinbarkeit vermeintlicher Widersprüche ist die Grundlage auch für den ökonomischen Erfolg eines Landes. Beruf und Familie sind ebenso vereinbar wie Integration und Bildung oder Wachstum und Umweltschutz. Eine Politik der Vereinbarkeit wird zur zentralen Herausforderung im Zeitalter der Globalisierung – aus wirtschaftlichen, politischen und sozialen Gründen. Die konservative Partei hat in der großen Koalition mit Merkel, Schavan und Böhmer einen Themenvorteil. Diesen Vorteil sollten die neuen Konservativen nach dem Weggang der klassisch konservativen Politiker Merz und Stoiber nutzen.

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