Der ökonomische Gastkommentar
Tue Gutes und sei damit erfolgreich!

Der Fall Enron ist bis heute ein Synonym für das vollkommene ethische Versagen eines Unternehmens – zum Schaden Tausender Aktionäre und Geschäftspartner.

Doch wer sich die aktuellen Korruptionsaffären bei Siemens, BWW, Philips oder Infineon ansieht, wer beobachtet, wie der Weltkonzern Siemens Tausende verdienter Mitarbeiter abwickelt, wer lesen muss, dass Lebensmittelhändler jahrealtes Gammelfleisch an Verbraucher ausliefern, der muss auch bei deutschen Wirtschaftsführern moralische Erosionen feststellen.

Unternehmen machen Rekordgewinne und entlassen Arbeitnehmer in Rekordzahlen. Anteile von Unternehmen werden veräußert, um sich der Verpflichtung zur Aufstellung von Sozialplänen zu entziehen. Immobilien-Gesellschaften kaufen Mietwohnungen in marodem Zustand, lassen die Mieter jedoch im Ungewissen über die Zukunft: Politische Kritik spricht vom Manchester-Kapitalismus und sozialer Kälte. Und verstärkt wird diese Kritik durch die so genannte „Unterschichten“-Debatte. Ein Trost mag da sein, dass zeitgleich ein neuer Ethik-Trend in deutschen Führungsetagen langsam Schule macht: Einzelne Unternehmen unterwerfen sich freiwillig ethischen Codes für den korrekten Umgang mit Geschäftspartnern, Mitarbeitern oder der Umwelt.

Viele, vor allem mittelständische Firmen, zeigen aber auch einfach ein verstärktes Bewusstsein für Verantwortung, indem sie Arbeitnehmer auch in schwierigen Zeiten halten oder angesichts der geburtenstarken Jahrgänge in den Schulabschlussklassen mehr Ausbildungsplätze schaffen.

Im Schatten der Debatte über so genannte Heuschrecken, die der Öffentlichkeit ein gruseliges Unternehmerbild vermitteln, geht oft unter, dass Unternehmerinnen und Unternehmer ganz alltäglich auf monetäre Renditen verzichten, um ethische Renditen zu steigern. Das gilt für sie persönlich, für das Unternehmen oder auch für das gute, alte Gemeinwohl.

Eine Ethik-Strategie kann sich, wird sie denn konsequent umgesetzt, sogar in Euro und Cent auszahlen: Wer für Mitarbeiter mit Kindern flexible Arbeitszeiten, Telearbeitsplätze oder gar einen Kindergarten schafft, der wird nach qualifiziertem und hoch motiviertem Personal nicht lange suchen müssen. Wer Energie einspart und damit die Umwelt schont, kann seine Betriebskosten deutlich senken. Und wer dann auch noch seine Geschäftspartner auf die gleichen ethischen Grundsätze hin überprüft, der kann seine Unternehmensphilosophie sogar glaubhaft und werbewirksam in der Öffentlichkeit verkaufen.

Das Motto „Tue Gutes und sei erfolgreich damit!“ haben sich inzwischen einige Großkonzerne zu Eigen gemacht. So achtet der deutsche Sportartikelhersteller Puma darauf, dass auch in seinen Zulieferbetrieben Kinderarbeit und Dumpinglöhne tabu sind. Dies ist zweifellos ein positiver Effekt von Globalisierung.

Aber auch Mittelständler wie das schleswig-holsteinische Medizintechnik-Unternehmen Ethicon sind mit ihren selbst auferlegten ethischen Maßstäben erfolgreich und profitieren von ihrem hohen Ansehen. Und wer den Arbeitsalltag in den Kleinstbetrieben kennen gelernt hat, der weiß, dass diese Unternehmen ohne ein hohes Maß gelebter Solidarität und Rücksichtnahme gar nicht existieren könnten.

Kompetente Beratung für die Umsetzung ethischer Grundsätze in die Praxis gibt es inzwischen reichlich. Bekanntestes Beispiel in Deutschland ist wahrscheinlich das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik, das sich selbst als Antreiber der Bewegung und als Mittler zwischen Theorie und Praxis versteht. Doch was kann die Politik tun, damit wirtschaftsethisches Denken und Handeln endlich aus der Ecke des belächelten Schöngeistigen herauskommt und noch viel stärker Teil von gelebten Unternehmensstrategien wird – und zwar ohne die Umwelt- und Sozialgesetzgebung weiter aufzublähen?

Aufklärungsarbeit ist sicherlich das eine. Die Implementierung ethischer Rahmenbedingungen über Ländergrenzen hinweg ist angesichts des internationalen Wettbewerbs eine weitere zentrale Aufgabe, zum Beispiel für die Europäische Union. Entscheidend wird jedoch sein, wirtschaftsethische Grundsätze frühzeitig in die Köpfe und Herzen der Unternehmer-Eliten von morgen einzupflanzen.

So werden von den Hochschulen Jahr für Jahr Absolventen der Wirtschaftswissenschaften auf den Markt geworfen, deren ethische Ausbildung oft kümmerlich ausgefallen ist. Schleswig-Holstein wird deshalb eine Initiative ergreifen, um Mindeststandards der Unternehmensethik für alle wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge festzulegen. Ein Seminar über „Wirtschaftsethik im 21. Jahrhundert“ muss zum Pflichtseminar werden.

Warum soll es beispielsweise nicht möglich sein, erfahrene Unternehmerpersönlichkeiten für Lehraufträge im Fach in den Hochschulen zu gewinnen? Die Studierenden könnten von konkreten Beispielen aus der alltäglichen Praxis sicher am meisten profitieren. Um die Enrons der Zukunft verhindern zu können, muss die zentrale Lektion für künftige Unternehmensmanager lauten: Der Homo oeconomicus des 21. Jahrhunderts kann als Anbieter und Abnehmer von Produkten und Dienstleistungen nicht nur an monetären Profiten interessiert sein.

Auch eine ethische Rendite aus christlicher Überzeugung als einem immanenten Bestandteil unseres Grundrechtekatalogs im Grundgesetz zahlt sich langfristig aus. Sei es für sich selbst, für das Unternehmen oder auch für das gute alte Gemeinwohl. Vielleicht sogar für das eigene Gewissen.

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