Der ökonomische Gastkommentar
Wagniskapital wird knapper

Kernelement der Unternehmensteuerreform ist die Einführung einer einheitlichen Abgeltungssteuer von 25 Prozent auf sämtliche Einkünfte aus Kapitalvermögen.

Für Zinseinkünfte führt dies zu einer Reduzierung der effektiven Steuerbelastung in der Spitze von derzeit 47,5 Prozent auf 29,9 Prozent. Für Gewinnanteile hingegen wird sie sich künftig unter Berücksichtigung der körperschaftsteuerlichen Vorbelastung auf 48,4 Prozent aufsummieren. Dies sind nur fünf Prozentpunkte weniger als zur Zeit. Tatsächlich wird die Steuerbelastung auf Gewinneinkünfte wegen der Abschaffung der Steuerfreiheit von Kursgewinnen aber steigen. Künftig versteuern die Aktionäre beim Verkauf einer Aktie faktisch den Barwert der zukünftigen Gewinnsteigerungen. Werden die Gewinne später tatsächlich erwirtschaftet und ausgeschüttet, werden sie mit der Körperschaftsteuer und ein weiteres Mal mit der Einkommensteuer belastet. Die Unternehmensteuerreform wird also zu einer in diesem Ausmaß in Deutschland noch nie da gewesenen Begünstigung von Zinseinkünften gegenüber Gewinnanteilen führen. Es liegt eine massive Verletzung der Finanzierungsneutralität vor. Für jeden Euro, den das Unternehmen in Form von Zinsen an seine Fremdkapitalgeber weiterleitet, müsste es 1,45 Euro erwirtschaften, um seinem Anteilseigner den selben Ertrag nach Steuern bieten zu können.

Welche Auswirkungen hat diese steuerliche Konstellation auf die Kapitalkosten der Unternehmen und damit auf deren Investitionstätigkeit? Gehen wir zur Vereinfachung von einem unveränderten Weltmarktzinsniveau und einer Weltmarktrisikoprämie aus. Für den deutschen Anleger bedeutet dies eine deutliche Verschlechterung der Rendite bei Aktien nach Steuern im Vergleich zu Anleihen, weshalb er entsprechende Umschichtungen vornehmen wird. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Kapitalkosten der Unternehmen steigen werden. Vielmehr werden Ausländer die von den Inländern abgestoßenen Aktien kaufen. Daher bleiben die Auswirkungen auf die Kapitalkosten der Unternehmen zunächst bestehen. Voraussetzung ist allerdings, dass deren Anteile von im Ausland ansässigen Investoren gekauft werden können. Das trifft typischerweise für große börsennotierte Gesellschaften zu. Bei dieser Gruppe ist also keine Beeinträchtigung ihrer Investitionsentscheidungen durch die Unternehmensteuerreform zu erwarten.

Was passiert aber bei mittelständischen oder kleinen innovativen Unternehmen? Diese Unternehmen haben in der Regel einen begrenzten inländischen Investorenkreis, etwa in Form der Eigentümerfamilien oder vermögender Privatpersonen. Allenfalls ein wirtschaftlich starkes mittelständisches Unternehmen könnte die Erhöhung der Eigenkapitalkosten über eine Umfinanzierung zugunsten von mehr Fremdkapital auffangen. Der damit einhergehende Rückgang der Eigenkapitalquote macht die mangelnde ökonomische Kohärenz der Unternehmensteuerreform schon offensichtlich. Verschärft wird dieser Widerspruch, wenn man an jene Unternehmen denkt, bei denen sich eine solche Erhöhung des Verschuldungsgrads unter Risikogesichtspunkten verbietet. Hierzu gehören insbesondere auch junge innovative Unternehmen, denen typischerweise eine nennenswerte Fremdfinanzierung nicht möglich ist. Für diese Unternehmen wird sich die bestehende Knappheit von Wagniskapital verschärfen. Zu allem Überfluss wird dieser Effekt noch durch die Verschärfung der Verlustvortragsregelung verstärkt. Junge forschungsintensive Unternehmen müssen jetzt damit rechnen, dass sie während der verlustreichen Entwicklungsphase ihre Verlustvorträge gerade dann verlieren, wenn sie sich neues Kapital beschaffen. Weil der Kapitalgeber diesen Effekt antizipiert, werden die Kapitalkosten dieser Unternehmen steigen.

Vor allem Branchen mit langen und verlustträchtigen Entwicklungsphasen, wie etwa die Biotechnologie, werden besonders stark getroffen. Die Folge könnte deren Abwanderung ins Ausland sein. Vergessen darf man dabei nicht, dass die Anerkennung von Verlustvorträgen kein Steuerschlupfloch ist, sondern zwingende Konsequenz einer Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Was lässt sich nun tun, um diese Schwächung der Märkte für Risikokapital in Deutschland zu verhindern? Selbstverständlich bestünde der konsequente Weg darin, die Unternehmensteuerreform unter Beachtung des Gebots der Finanzierungsneutralität umzugestalten. Man muss zum jetzigen Zeitpunkt aber leider davon ausgehen, dass die Regierung die Vorschläge der Wissenschaft wieder einmal ignorieren wird. Wenn dem so ist, wäre es hilfsweise geboten, über steuerliche Ausnahmeregelungen nachzudenken, die die gröbsten Schäden für die Bereitstellung von Wagniskapital und damit für die Innovationsdynamik in Deutschland abwenden. Hierzu gehört zum einen die Änderung der Regelungen zum Verlustvortrag dergestalt, dass ein Anteilseignerwechsel, der allein durch die Zuführung von frischem Kapital ausgelöst wurde, unschädlich sein muss. Zum anderen sollte die relative Attraktivität von Eigenkapitaleinkünften zumindest für jene Gruppe von Investoren erhöht werden, die mit ihrem Geld echte Frühphasen finanzieren. das ist auch anderen Ländern der Fall. Mit einer klar abgegrenzten Befreiung dieser Personengruppe von der Besteuerung der Veräußerungsgewinne könnte verhindert werden, dass die für Unternehmensgründungen so wichtigen Business Angels ihre Portfolios zugunsten von Fremdkapitaltiteln umschichten oder dass sie sogar das Land verlassen. Freilich wäre all dies nur eine gesetzgeberische Krücke, mit der die negativen Effekte der Unternehmensteuerreform für die Innovationsdynamik unseres Landes abgeschwächt werden.

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