Der ökonomische Gastkommentar
Wettbewerb statt Protektionismus

Die „german angst“ hat die deutsche Wirtschaft erreicht. Das Horrorszenario sieht so aus: Zuerst kamen die angelsächsischen Heuschrecken. Jetzt stehen Chinesen und Russen vor der Tür. Milliarden Dollar aus Chinas Devisenreserven oder Russlands Petrorubel machen es möglich. Diese neuen Player haben angeblich nur eines im Sinn: die deutsche Wirtschaft zu zerlegen, zu fleddern oder auszusaugen.
  • 0

Viele in Deutschland, nicht nur Linke, haben ein schlechtes Bauchgefühl bei dieser von Finanzmärkten, Devisenreserven und Rohstoffreichtum getriebenen Übernahmewelle. Dax-Vorstände warnen vor kurzfristig orientierten Private-Equity-Fonds. Und nicht nur in der Politik gibt es Befürchtungen, dass es bald keine „deutsche“ Großbank mehr gibt. Gleichzeitig boomt Deutschland wie seit Jahren nicht mehr. Deutsche Produkte sind in der Welt gefragt wie nie. Unsere Produktpalette ist wie geschaffen für aufholende Nationen. Gerade diese setzen bei ihrem Weg in die Moderne auf deutsche Maschinen, deutsche Chemie und deutsche Fahrzeuge. Die Globalisierung sichert so in Deutschland Wohlstand und Arbeitsplätze für Millionen. Nun wird argumentiert: Im Gegensatz zu Hedge- oder Private-Equity-Fonds, die Geld beim Vatikan, bei US- Eliteuniversitäten oder Beamten-Pensionsfonds einsammeln, gehe es den staatlichen Fonds aus China oder den russischen Unternehmen nicht ausschließlich um Rendite, sondern um die Übernahme so genannter strategischer Wirtschaftsbereiche. Politische und militärische Ziele werden nicht immer zu Unrecht unterstellt. Deshalb wird gefordert, man müsse dem politisch einen Riegel vorschieben. Als strategische Sektoren werden dann Energie, Telekommunikation oder Bahn genannt. Nun haben diese Bereiche eines gemeinsam: Sie sind netzgebunden und neigen damit zu natürlichen Monopolen.

Hier könnte man tatsächlich behaupten, dass der Ersatz eines staatlichen, halbstaatlichen oder privaten Monopols aus dem Inland durch ein ausländisch beeinflusstes Monopol wenig sinnvoll sei. Doch die Antwort muss eine andere sein: Wir brauchen Wettbewerb. Denn Wettbewerb ist und bleibt das beste Entmachtungsinstrument. Würde auf dem deutschen Energiemarkt Wettbewerb herrschen, müsste man vor ausländischen Investoren keine Angst haben. Denn sie wären gezwungen, ausschließlich auf die Rentierlichkeit ihrer Investition zu achten. Sonst verschwinden sie vom Markt. Nur in Monopol- oder Oligopolmärkten kann man sich andere Zielsetzungen erlauben. Skurril wird es bei der Telekommunikation. Dort gibt es heute schon Wettbewerber aus dem Ausland, nämlich aus Großbritannien, Spanien und den Niederlanden. Würde man diesen Sektor als strategisch ansehen, würden diese Unternehmen dann aus Deutschland wieder hinausgeworfen? Muss der US-Großaktionär bei der Deutschen Telekom aussteigen, zumal bei Blackstone der chinesische Staat schon investiert hat? Und wer legt die Kriterien fest, welche Wirtschaftssektoren als strategisch angesehen werden? Die Regierung? Das Parlament? Oder doch lieber die bei uns so beliebten „runden Tische“, die meist mit Funktionären aus Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften besetzt werden?

Eigenartig an der Debatte ist auch ein anderer Aspekt: Keiner soll Angst vor uns Deutschen haben, trotz zweier Weltkriege. Wenn deutsche Unternehmen in Großbritannien in den Energiemarkt einsteigen, dann zucken die Briten mit den Schultern. Anders als beim Fußball, wo die englischen Boulevardzeitungen in Richtung Deutschland oft in die unterste Schublade greifen, werden deutsche Investoren willkommen geheißen. Hier siegen in Großbritannien klar Interessen über Leidenschaften. In den Augen von Deutschen scheint Großbritannien deindustrialisiert zu sein. Doch verarmt ist es nicht. England setzt aber stärker auf Dienstleistungen. Die Londoner City ist auf dem Weg, der gefragteste Finanzplatz der Welt zu werden und dabei die Wall Street abzulösen. Nicht ohne Stolz verweisen die Briten darauf, dass sie die Welt in die Industrialisierung geführt haben und jetzt den Takt bei der Umformung hin zu einer Dienstleistungswirtschaft vorgeben.

Der Finanzplatz Frankfurt ist dagegen zurückgefallen. Dabei mögen auch politische Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. Stichworte sind hier Drei-Säulen-Modell in der Bankenlandschaft, Steuerpolitik, Bürokratie. Aber: Diejenigen, die heute Angst davor haben, übernommen zu werden, haben es in anderen Zeiten nicht geschafft, sich neu aufzustellen. Industrie, Banken und Versicherungen in Deutschland waren jahrzehntelang für Ausländer eine geschlossene Gesellschaft. Die viel beschriebene Deutschland AG hat sich spät aufgelöst und wundert sich jetzt, dass nicht alle Teile international wettbewerbsfähig sind. Man kann hier kritisch fragen, ob das „good friends network“, das lange das Schicksal der deutschen Volkswirtschaft bestimmt hat, uns heute nicht Wachstumschancen kostet. Zudem verhalten sich auch deutsche Unternehmen strategisch. Sie machen Joint Ventures mit Russland, um in Deutschland die Energieversorgung zu sichern. Deutsche Unternehmen investieren in China und zunehmend in Indien. Mit welchem Argument will man Chinesen oder Russen einen Einstieg in Deutschland verwehren? China ist in der WTO. Russland strebt in die WTO. Sie unterwerfen sich dort den allgemein akzeptierten Handelsabkommen. Deutschland müsste daher ein ganz anderes Ziel verfolgen: Neben dem Freihandel müsste auch der Wettbewerb von der WTO geschützt werden. Denn Deutschlands Schicksal hängt von offenen Märkten und mehr Wettbewerb ab. Mit einem protektionistischen Wirtschaftsnationalismus verschenkt Deutschland Chancen.

Kommentare zu " Der ökonomische Gastkommentar: Wettbewerb statt Protektionismus"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%