Der ökonomische Gastkommentar
Zunehmende Lohnungleichheit in Deutschland

In den USA hat sich die Lohnungleichheit ab den späten 70er- und in den 80er-Jahren enorm ausgeweitet: Zwischen 1973 und 1988 fiel der reale Stundenlohn der zehn Prozent Geringstverdienenden um mehr als zehn Prozent, während er für die zehn Prozent Höchstverdienenden um mehr als zehn Prozent stieg. Eine ähnliche Entwicklung ist in Kanada und Großbritannien zu verzeichnen.
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Viele Ökonomen führen als Hauptgrund für diese Entwicklung den technischen Fortschritt an. Getrieben durch die Computerrevolution führte dieser zu einer überproportional hohen Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitnehmern, was wiederum die Lohnspanne stark auseinander klaffen ließ. Das große Problem mit diesem Erklärungsansatz ist, dass Industrieländer wie Deutschland und Frankreich in den 80er-Jahren zwar ebenfalls technologisch aufrüsteten, aber scheinbar keinen signifikanten Anstieg der Lohnungleichheit verzeichneten. Vor allem in Westdeutschland schien die Lohnstruktur recht stabil zu bleiben. Was erklärt diese scheinbar unterschiedliche Entwicklung? Anhand administrativer Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kann man aufzeigen, dass sich entgegen der gängigen Meinung die Lohnungleichheit in Westdeutschland in den 80er-Jahren sehr wohl ausgeweitet hat, allerdings ausschließlich am oberen Rand der Lohnskala. So ist zum Beispiel der Lohnunterschied zwischen den 15 Prozent Einkommensstärksten und Arbeitnehmern in der Mitte der Lohnverteilung zwischen 1979 und 1989 um mehr als 7,5 Prozent gestiegen. In den 90er-Jahren ist dagegen ein drastischer Anstieg der Ungleichheit auch in den unteren Lohngruppen zu beobachten: Zwischen 1991 und 2001 sanken die Reallöhne der fünf Prozent Einkommensschwächsten um bis zu zwölf Prozent, während gleichzeitig die 15 Prozent Einkommensstärksten Reallohnsteigerungen von mehr als zehn Prozent verbuchen konnten. Während sich die Entwicklung der Ungleichheit am oberen Ende der Lohnskala in Westdeutschland somit kaum von jener in den USA unterscheidet, fand der Anstieg der Ungleichheit am unteren Ende der Lohnverteilung etwa zehn Jahre später statt.

Wir argumentieren, dass technologischer Fortschritt vor allem am oberen Ende der Lohnskala zum Anstieg der Ungleichheit beigetragen hat. Technologie rationalisiert Routinearbeiten weg und führt zu Lohndruck, begünstigt allerdings interaktive und analytische Tätigkeiten. Routinearbeiten befinden sich aber nicht unbedingt am unteren Ende der Lohnverteilung, sondern eher in der Mitte. So lassen sich zum Beispiel Routineaufgaben in einem Anwaltsbüro durch Computer ersetzen, nicht jedoch die Arbeiten von LKW-Fahrern oder von Maurern. Technologischer Fortschritt begünstigt also vor allem Arbeitnehmer am oberen Ende der Lohnverteilung, während Arbeitnehmer in der Mitte der Lohnverteilung sogar gegenüber Arbeitnehmern am unteren Ende der Lohnverteilung verlieren mögen. Für den Anstieg der Ungleichheit am unteren Ende der Lohnverteilung in den 90er-Jahren sind dagegen vor allem „episodische“ Ereignisse wie institutionelle Veränderungen oder Veränderungen bei den Arbeitsangeboten verantwortlich. So hat sich zum Beispiel in Westdeutschland zwischen 1995 und 2004 der Anteil jener Arbeitnehmer, deren Einkommen durch Firmen- oder Industrietarifverträge abgedeckt waren, um 16 Prozentpunkte von 87 auf 71 Prozent verringert. Dieser Rückgang erklärt etwa ein Drittel des Anstiegs der Ungleichheit am unteren Ende der Lohnskala. Ähnliche Entwicklungen waren in den USA und in Großbritannien bereits in den 80er-Jahren zu beobachten wie zum Beispiel der Abbau des realen Minimumlohns in den USA und der Verlust der Gewerkschaftsmacht unter der damaligen britischen Premierministerin Thatcher.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Entwicklungen in Deutschland und in den USA den gleichen Erklärungsmustern folgen. In beiden Ländern hat sich Ungleichheit am oberen Ende der Lohnverteilung, also zum Beispiel der Unterschied zwischen den Einkommen der zehn Prozent Bestverdienenden und jenen von Arbeitnehmern mit Löhnen um den Median der Lohnverteilung seit Ende der 70er-Jahre erheblich und kontinuierlich erhöht. Dies lässt sich durch den technischen Fortschritt erklären. Allerdings haben technologische Veränderungen keinen symmetrischen Einfluss auf den unteren Teil der Lohnverteilung. Hier sind es episodische Entwicklungen wie die Schwächung von Gewerkschaftsmacht, die teilweise die Lohnungleichheit erklären. Diese setzten in Deutschland etwa zehn Jahre später ein als im angelsächsischen Raum.

Ist diese Entwicklung Besorgnis erregend? Nicht unbedingt. Ein positiver Aspekt der gestiegenen Lohnungleichheit ist, dass er starke Ausbildungsanreize setzt. Und dies ist für ein Land wie Deutschland, dessen Standortvorteil von der Qualifikation der Arbeitnehmer abhängt, sicher wichtig. Auch mag man die Entwicklungen in Deutschland als einen Anpassungsprozess verstehen: Rigiditäten am unteren Ende der Lohnskala mögen zu Wettbewerbsnachteilen sowie zu höherer Arbeitslosigkeit geführt haben. Ein Sinken der Löhne in den unteren Lohngruppen mag daher einer höheren Arbeitslosigkeit entgegengewirkt haben. Können neue Entlohnungsformen wie beispielsweise der zurzeit diskutierte Mindestlohn diesen Prozess aufhalten? Vielleicht. Allerdings muss akzeptiert werden, dass Deutschland in eine globale Ökonomie eingebettet ist und daher mit Produzenten in anderen Ländern in direktem Wettbewerb steht. Höhere Löhne lassen sich langfristig nur durch höhere Leistungsfähigkeit und technologische Überlegenheit halten, nicht jedoch durch Arbeitsmarktinstitutionen.

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