Der Politische Gastbeitrag
Kommentar: Zum Dialog verdammt

Unabhängig von der wahren Absicht des Papstes, die Verständigung der Kulturen zu fördern, hat sein Vortrag in Regensburg die Beziehungen der katholischen Kirche zur islamischen Welt belastet. Der vierzigjährige Dialog des Vatikans mit den Muslimen hat einen schweren Schlag erlitten.

Seine Äußerungen über den Islam, die er gestern bedauert und teilweise korrigiert hat, stellen das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen in den islamischen Ländern und im Westen vor zusätzliche Schwierigkeiten. Nutznießer dieser Entwicklung sind einerseits Islamisten, die sich wieder einmal in ihren Verschwörungstheorien über einen angeblichen Kreuzzug des Westens gegen den Islam bestätigt fühlen, und andererseits die Anhänger des Kampfes der Kulturen, die unermüdlich propagieren, Muslime könnten sich nicht in die westlichen Gesellschaften integrieren.

Aus diesem Grund ist eine offene Diskussion über die Äußerungen des Papstes notwendig, um ihre politischen Folgen zu analysieren und daraus die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Dieser Konflikt ist viel gefährlicher und emotionsbeladener als der Streit über die Prophetenkarikaturen. Hier geht es nicht um den Zusammenprall des westlichen Laizismus mit islamischen Tabus, sondern um die Gefahr einer Konfrontation zweier Religionen, die eine sehr lange Geschichte von Feindseligkeit und Polemik hinter sich haben.

Benedikt XVI. beging einen politischen Fehltritt, der ihn in eine schwierige Lage versetzt hat. Falsch verstanden wurde der Papst nicht, wie seine Sprecher unermüdlich wiederholen. Hier geht es nicht um die ungewollte Beleidigung des Islams, sondern um die problematische Einschätzung, diese Religion habe ein grundsätzlich anderes Verhältnis zu Vernunft und Gewalt. In dieser Hinsicht war die Aussage des Papstes klar: Er betrachtet Gewalt nicht als historische Erscheinung oder als Bestandteil der islamischen Religion, sondern als ihr Wesen und als ewigen Willen ihres Propheten Mohammed, der durch das Schwert seine Botschaft verbreitet hätte. Der Papst sagte gestern, das umstrittene Zitat aus dem Dialog des byzantinischen Kaisers mit einem „gebildeten Perser“ vor mehr als 600 Jahren drücke überhaupt nicht seine persönlichen Gedanken aus. Dennoch hat er daraus sein zentrales Argument abgeleitet: Für den Islam sei Gott an keine Kategorie gebunden, auch nicht die der Vernunft, und hier tue sich „ein Scheideweg im Verständnis Gottes und der Religion auf“.

Problematisch ist auch die Tatsache, dass der Papst das Zitat aus seinem historischen Zusammenhang riss. Die Kreuzzüge, die fast drei Jahrhunderte lang im Namen des Christentums Tod und Verwüstung in die islamische Welt brachten und selbst das christliche Konstantinopel nicht verschonten, wurden als beispielloser Missbrauch der Religion mit keinem Wort erwähnt. Dass die katholische Kirche damals den heiligen Krieg als von Gott gewollt predigte, ihn unter dem Moto „Deus le volt“ (Gott will es) führte und den im Kampf gegen die „Ungläubigen“ gefallenen Kreuzrittern himmlischen Lohn versprach, sind historische Tatsachen und gehören zum Christentum genauso wie die vielen leuchtenden Seiten dieser Religion.

Selbstverständlich wurden und werden auch im Namen des Islams Kriege geführt und Terror ausgeübt. Aber der Islam kann sich gleichzeitig auf eine Tradition der Toleranz berufen. Christen und Juden waren Teil der islamischen Zivilisation und trugen dazu bei, u.a. die griechische Philosophie und Wissenschaft ins Arabische zu übersetzen. Dies bekräftigt, dass der Kampf gegen die Dschihadisten und islamischen Fanatiker auch ein Kampf um die Auslegung des Islams im Sinne von Friedfertigkeit und Toleranz ist. Die Behauptung, der Islam bejahe implizit oder explizit die Gewalt, bewirkt eine Gleichsetzung von Islam und Islamismus. Dies erweckt den falschen Eindruck, als ob Osama bin Laden und seinesgleichen die wahren Muslime wären.

Was die Frage des Verhältnisses des Islams zur Vernunft angeht, so stellen die Äußerungen des Papstes keine Neuheit dar. Die Verbindung des Islams mit Rückschritt und des Christentums mit Fortschritt entstand in der Epoche des Kolonialismus in Europa. Sie erklärt den riesigen ökonomischen, wissenschaftlichen und politischen Rückstand der heutigen islamischen Welt allein religiös, obwohl man genau weiß, dass der europäische Erfolg erheblich durch die Befreiung der Menschen von der Macht des religiösen Dogmatismus zu Stande kam.

Dem Islam in Geschichte und Gegenwart pauschal einen Gegensatz zur Vernunft zu bescheinigen ist angesichts des eminenten Beitrags der islamisch-arabischen Welt zur Entwicklung der Philosophie und Wissenschaften wie Mathematik, Medizin, Astronomie, Geographie im Mittelalter grotesk. Die gegenwärtigen Probleme der islamischen Welt liegen nicht in der Religion, sondern in den herrschenden Diktaturen begründet, die die materielle und geistige Entwicklung ihrer Gesellschaften bremsen und selbst eine freie Entwicklung und Reform der islamischen Lehre verhindern. Die These, der Islam sei inkompatibel mit Rationalität und Moderne, führt zur Position der Fundamentalisten, die das Rad der Geschichte zurückdrehen und das islamische Recht als Allheilmittel durchsetzen wollen.

Die Proteste gegen die Äußerungen des Papstes müssen friedlich bleiben und dürfen nicht zur Stärkung der radikalen und reaktionären Kräfte in der islamischen Welt führen. Wichtig ist der Hinweis, dass es keine Verbindung zwischen der Islamkritik Benedikt XVI. und der gegenwärtigen US-Politik gibt: Der Vatikan hat den Irak-Krieg abgelehnt, sich gegen die These eines Kampfs der Kulturen gewandt und stets für einen gerechten Frieden im Nahen Osten engagiert. Die jetzige Krise kann durch offenen Dialog gelöst werden.

Abdel Mottaleb El Husseini ist im Libanon geboren und arbeitet als freier Journalist in Deutschland.

gastautor@handelsblatt.com

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