DER POLITISCHE GASTKOMMENTAR
Die Einbürgerung des Islams

Der Islam“ und „wir“ – diese schlichte Gegenüberstellung ist immer gut für ein Wechselbad der Stimmungen und Gefühle.

In den vergangenen Wochen haben die Kofferbomber von Dortmund und Koblenz und die weltweite Eskalation wegen eines wie auch immer gemeinten Papstzitates die Schlagzeilen bestimmt. Nun folgen die Tage des Ausgleichs und des Dialogs. Am Samstag begann der Fastenmonat Ramadan, am Mittwoch eröffnet Innenminister Schäuble die Islamkonferenz, und am 3. Oktober laden bundesweit Hunderte von Gemeinden zum „Tag der offenen Moschee“.

Muslime sind längst fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland, allen Schlagzeilen zum Trotz. Diesen Eindruck einer gewachsenen Normalität bestätigt eine noch unveröffentlichte Untersuchung des Berliner Integrationsbeauftragten. 1998 waren die Interviewer bei einer ähnlichen Studie auf abgekapselte Gemeinden gestoßen, die kaum Kontakt mit dem Umfeld hatten und von Vorständen geleitet wurden, die weder Deutsch sprachen noch sich in den deutschen Verhältnissen auskannten. Dieses hat sich grundlegend geändert. In der aktuellen Berliner Befragung gaben zwei Drittel der Moscheen an, über gute oder sehr gute Kontakte im Stadtteil zu verfügen. Dieses hängt auch mit dem Generationswechsel zusammen: Junge, hier groß gewordene Muslime haben in vielen Gemeinden zentrale Funktionen übernommen. Ihr Umgang mit Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft ist von Professionalität geprägt.

Dieser Trend einer stärkeren strukturellen Einbindung der islamischen Gemeinschaft in das gesellschaftliche Leben gilt nicht nur für Berlin. Der „Tag der offenen Moschee“ ist ein deutlicher Ausdruck dieses neuen Selbstverständnisses: eines Islams, der hier angekommenen ist und seinen Platz in der deutschen und europäischen Gesellschaft sucht.

Die staatliche Seite tut gut daran, diese Entwicklung zu fördern. In den Städten und in vielen Bundesländern gibt es inzwischen verbindlichere Strukturen zwischen Staat und Vertretern der islamischen Gemeinschaft, in der gemeinsame Anliegen wie Imamausbildung, Religionsunterricht oder der Bau von Moscheen diskutiert werden. Eine vergleichbare Institution fehlte bisher auf der Bundesebene. Es ist darum zu begrüßen, dass Bundesinnenminister Schäuble die Initiative für eine „Islamkonferenz“ ergriffen hat, mit der das Verhältnis Staat – Islam auf eine klarere Grundlage gestellt werden soll. Die Konferenz bietet die Chance, bei der „Einbürgerung des Islams“, wie die ehemalige Bundesintegrationsbeauftragte Marieluise Beck die Aufgabe einmal umriss, ein großes Stück voranzukommen. Ihr Gelingen ist aber an bestimmte Voraussetzungen gebunden.

Eine Gefahr ist, dass die Konferenz mit zu hohen Erwartungen überladen wird. Der Islam ist zunächst einmal eine Religion und keine integrationspolitische Überinstanz. (Insofern verwundert es schon ein wenig, dass die Islamkonferenz vom „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ und nicht von dem beim BMI angesiedelten Referat für Religionsfragen vorbereitet wird.) Eine Überfrachtung mit gesellschaftlichen, integrationspolitischen oder gar außenpolitischen Fragestellungen dürfte den Fortgang eher hemmen. Gemeinsame Anliegen gibt es genug, das reicht von der Frage nach der universitären Ausbildung von Imamen bis hin zu der Frage, wie der Anerkennungsprozess einer Religion, die eine Organisationsform wie die Kirche nicht kennt, vonstatten gehen kann. Gerade bei Letzterem ist die staatliche Seite gut beraten, genau hinzuhören und innerislamischen Entwicklungen Zeit zu geben. Vor dem Hintergrund der grundlegend anderen Verfasstheit des Islams ist das ungeduldige Vorpreschen des Bundesinnenministers, der als Ergebnis der Islamkonferenz bereits in zwei Jahren eine Art Staatsvertrag sieht, keine hilfreiche Vorgabe.

Dieses gilt umso mehr, da der Kreis der Teilnehmenden, die in diesen Verständigungsprozess einbezogen sind, sehr eng gezogen wird. Die traditionell starke Konzentration der Dialogpartner auf die türkeiorientierten Dachverbände spiegelt die Wirklichkeit des Islams in Deutschland längst nicht mehr wider. In Berlin gehört die Hälfte der islamischen Gemeinden keinem Dachverband mehr an. Gerade aber in diesen ungebundenen Gemeinden – etwa aus dem arabischen oder pakistanischen Kontext – sowie in der wachsenden Zahl der Gemeinden, die sich keiner spezifischen Herkunft mehr zuordnen lassen, entscheidet sich sehr, ob die „Einbürgerung des Islams“ gelingt.

Auch unter Sicherheitsaspekten, die als Subtext die bisher bekannte Agenda der Islamkonferenz weitgehend bestimmen, ist es geboten, ein möglichst breites Spektrum einzubinden. Die Einbeziehung auch umstrittener Organisationen würde diese Differenzierungsprozesse fördern und böte die Chance, die gemeinsame Basis in der Ächtung von Gewalt und Terrorismus zu verbreitern.

Für die muslimische Seite wird sicher von zentraler Bedeutung sein, ob sie den Eindruck gewinnt, dass es die staatliche Seite mit dem Verfassungsgrundsatz der Gleichbehandlung der Religionen ernst meint. Hier werden sich viele Bundesländer die Frage gefallen lassen müssen, ob ihre „Kopftuchgesetze“ diesem Grundsatz entsprechen, wenn nicht gleichzeitig auch Kreuz und Kippa betroffen sind. Auch manche Moscheebaudebatte in den Kommunen lässt nicht gerade Optimismus aufkommen, dass dieser Gleichbehandlungsgrundsatz bereits zur Grundausstattung deutscher Verwaltungspraxis gehört. Und wenn – wie im Frühjahr geschehen – Bundesfamilienministerin von der Leyen ihren Erziehungsgipfel ausschließlich mit den christlichen Kirchen startet, zeigt das sehr deutlich, dass auch in der Bundesregierung noch ein Klärungsbedarf besteht. Auf der Basis solcher Ungleichbehandlungen sind wohl kaum Regelungen vorstellbar, die von der muslimischen Seite akzeptiert werden könnten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%