Der politische Gastkommentar
Die sanfte Macht des Dialogs

Die Globalisierung hat die Welt politisiert. Jeder kann jederzeit Nachrichten über andere Teile der Welt empfangen. Unsere globalisierte Welt ist aber (noch) keine Welt der gegenseitigen Kenntnis.

Zwar erleben wir heute weniger einen Zusammenstoß der Kulturen oder der Zivilisationen, der etwa „den Westen“ gegen „die islamische Welt“ in Stellung bringen würde. Ein Kulturkampf findet eher innerhalb der muslimischen Gesellschaften statt. Doch herrscht bei vielen Beteiligten eine kulturelle Ignoranz und Indifferenz gegenüber anderen Kulturen, deren Leistungen, Werten, Ängsten und Leiden. Hier liegt eine Aufgabe der auswärtigen Kulturpolitik, an deren Neukonzeption im Außenministerium derzeit gearbeitet wird. Bei aller Betonung des dialogischen Austausches zwischen verschiedenen Gesellschaften gilt es, sich gleichzeitig klar zu machen, dass auswärtige Kulturpolitik integraler Teil unserer Außenpolitik ist, deren Ziele und Interessen unterstützt und sich an unseren Werten orientiert: Demokratie, Menschenrechte, Schutz der natürlichen Ressourcen und anderen. Auswärtige Kulturpolitik ist also nicht interesselos. Sie ist Instrument „sanfter Macht“, soll als solche auch Einfluss auf andere ausüben.

Insofern wird sie auch nicht immer als „sanft“ wahrgenommen: Nicht zuletzt in muslimischen Gesellschaften herrscht Angst vor einer Marginalisierung der eigenen Kultur durch die Globalisierung oder durch Interventionen des Westens. Dass Forderungen nach Bildungsformen im Zusammenhang etwa mit der „Broader Middle East and North Africa Initiative“ als Angriff auf den Islam und die eigene Kultur gewertet wurden, muss nicht verwundern. Solche Veränderungen müssen zuallererst Ergebnis eines innergesellschaftlichen Diskussions- und Veränderungsprozesses sein.

Echte Konflikte lassen sich kaum durch Kulturaustausch oder Dialog lösen. Die „kulturelle Brille“ kann leicht zur Scheuklappe werden. Kultur- und Religionsdialoge können Gefahr laufen, politische Differenzen und Interessenkonflikte in den Bereich der kulturellen Identität zu verlagern. Hinter Differenzen mit Akteuren in der muslimischen Welt oder anderswo – dem israelisch-palästinensischen Konflikt, dem Atomstreit mit Iran, der Frage der Pressefreiheit in Russland oder der Menschenrechte in China –stehen keine kulturellen Fragen, sondern unterschiedliche Interessen.

Eine realistische und erfolgreiche Kultur des Dialogs sollte vor allem eine Erweiterung der gegenseitigen Kenntnis anstreben und auf gegenseitigem Respekt basieren. Beides kann den Abbau von Stereotypen und Feindbildern fördern. Dabei gilt es deutlich zu machen, dass Diversität als Bereicherung, nicht als Bedrohung empfunden wird. Kooperation sollte hier Vorrang vor möglicherweise zwar zielgerichteter und effizienter, letztlich aber einseitiger Aussendung und Vermittlung von Kulturinhalten haben. Gute Beispiele für kooperative Ansätze gibt es etwa in Form von gemeinsamen Forschungsprojekten in der Wissenschaft bis zu gemischten Musik- und Theaterprojekten. Oder von Sendungen wie „Meet Europe“, eine gemeinsame Talkshow von Deutscher Welle und Abu Dhabi TV, also keine schlichte „Übersetzung“ deutscher Programminhalte in fremde Sprachen.

Auch europäische Kooperation in der Kulturpolitik kann als attraktive Demonstration der Möglichkeiten von grenzüberschreitender Zusammenarbeit dienen. So etwa „Arte“ im Medienbereich oder das deutsch-französische Kulturzentrum im palästinensischen Ramallah im Bereich der Auslandskulturarbeit. Dabei sollte eine dialogorientierte auswärtige Kulturpolitik Kontakte nicht nur zu jenen Eliten suchen, die unseren säkularen, liberalen Diskurs beherrschen. Auch konservative, islamische oder islamistische Akteure können Partner sein.

Wir können und sollten unsere Kriterien für eine solche Kooperation definieren: ein Bekenntnis zur friedlichen Veränderung in den eigenen Gesellschaften etwa oder Respekt auch vor unseren grundlegenden Werten. Umgekehrt gilt es, beim Eintreten für Demokratie und Menschenrechte Glaubwürdigkeit zu beweisen: Jeder Eindruck, dass Demokratie für Islamisten oder Habeas-Corpus-Rechte für Terrorverdächtige nicht gelten würden, wird nur die Überzeugung fördern, dass es beim westlichen Demokratie- und Menschenrechtsdiskurs nur um Regimewechsel gehe.

Im Fokus eines jeden Dialogs sollten Sachthemen und Zukunftsfragen stehen, die von beiden Seiten als Problem wahrgenommen werden, für das eindeutige Lösungen fehlen. Dies gilt etwa für Themen aus der Bioethik, die soziale Sicherung oder die Zusammenhänge von Ökologie und Wachstum. Einen Religionsdialog zu führen ist nicht Aufgabe der Politik. Gleichzeitig sollten die Partner eines Kulturdialogs so ausgewählt sein, dass eine gewisse Breitenwirkung erreicht wird, etwa durch Kooperationen in der Schul- und Berufsbildung oder auch durch Austausch in den Bereichen Literatur und Kunst. Nicht zuletzt der so genannte Karikaturenstreit hat gezeigt, wie wichtig eine breite, positive Meinung gegenüber Deutschland und Europa wäre, um Konflikte entschärfen zu können.

Zuletzt: Eine „Kultur des Dialogs“ beginnt zu Hause. Die Anziehungskraft unserer Werte, unserer Kultur oder unseres politischen Systems misst sich im Ausland auch an der Qualität unseres Bildungswesens. Universitätsrankings oder Pisa-Studien lassen sich methodisch kritisieren, sie werden aber wahrgenommen. Gleiches gilt natürlich für unsere Migrations- und Integrationspolitik. Auswärtige Kulturpolitik muss sich darüber im Klaren sein, dass ihr Erfolg und der Erfolg von Kulturdialogen unter Umständen von der Politik in anderen Feldern abhängt, von der Innen-, Sicherheits- und Bündnispolitik, die anderen Rationalitäten folgt und folgen muss. Am ehesten lässt sich diese Herausforderung durch Offenheit und durch ehrliche Information über die Grundlagen und Interessen deutscher und europäischer Politik bewältigen.

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