Der politische Gastkommentar
Die Universität als Unternehmen

Bereits zu Anfang der siebziger Jahre wurde der Vorschlag unterbreitet, Hochschulen wie Großbetriebe zu behandeln und ihre Leitungsstruktur entsprechend zu gestalten, soweit nicht das Grundrecht der Freiheit von Forschung und Lehre entgegenstehe.
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Und schon im Jahr 1969 hatte der Soziologe Helmut Schelsky konstatiert, dass das alte System der „zunftmäßig begründeten Honoratioren-Selbstverwaltung“ gegenüber den neuen Aufgaben der Lehre und vor allem der Forschung funktionsschwach, ineffektiv und in einigen Fällen bereits funktionsunfähig sei. Der Ineffizienz der Selbstverwaltung und der Inkompetenz ihrer Amtsträger sollte nach Schelskys Auffassung mit einer Professionalisierung der Leiter der Hochschulen begegnet werden. Dagegen hat sich insbesondere die Standesvertretung der Hochschullehrer gewehrt. Anlass war die Befürchtung, dass „starke“ Präsidenten auch schon mal die betuliche Kollegialität stören könnten, indem vereinzelt vorkommende Missstände aufgedeckt und beseitigt würden. Inzwischen ist dieser Streit abgeklungen. Dass Hochschulen eines professionellen Managements bedürfen, wird ernsthaft nicht mehr bezweifelt. Die Zauberformel lautet neuerdings „unternehmerische Universität“. Gemeint ist damit, dass für die Einrichtung als Ganzes Ziele vorgegeben und deren Umsetzung kontrolliert wird, und zwar durch eine Hochschulspitze, die etwas gestalten will.

Das kann leicht mit den Interessen der Träger von Teilleistungen, also den Professoren, kollidieren. Auch diese wollen etwas erreichen, nämlich eine möglichst optimale Leistung und Anerkennung auf ihrem Fachgebiet. Sicher ist es erstrebenswert, dass eine Hochschule sich nicht nur als Summe der Leistungen der einzelnen Mitglieder darstellt. Aber eine Universität ist nun einmal kein Unternehmen, das auf ein ganz bestimmtes Ziel ausgerichtet ist. Noch nicht einmal die Forschungsabteilungen von Unternehmen sind mit den wissenschaftlichen Instituten von Universitäten ohne Einschränkung zu vergleichen. Zwar ist es richtig, dass von beiden die Entwicklung neuer Methoden und Gewinnung von Erkenntnissen erwartet wird. Die Aufgabe von Forschungsabteilungen in Unternehmen ist aber darauf gerichtet, im Rahmen der betrieblichen Vorgabe ein Ergebnis zu erzielen. Dagegen können Forscher in Hochschulen so nicht „an die Kandare“ genommen werden. Wie die Übertragung wirtschaftlicher Grundsätze auf die Universitäten aussehen könnte, hat bereits eine sehr detaillierte Untersuchung aus dem Jahr 1976 mit dem Titel „Wibera-Projektgruppe/Bolsenkötter, Ökonomie der Hochschule“ aufgezeigt. Die Umsetzung allerdings hätte eine Verlagerung von Kompetenzen der Ministerien an die Universitäten bedeutet. Das wollte man denn doch nicht.

Hinderlich für Verbesserung der Bedingungen für ein Management an den Hochschulen waren und sind vor allem zwei Gegebenheiten: Von außen ist es die Rechts- und Fachaufsicht durch die Ministerialbürokratie. Solange die Hochschulen Kostgänger des Staates sind, wird der Staat nicht auf ein bestimmtes Maß an Einfluss verzichten. Das andere Hindernis besteht in den – von staatlicher Seite – gesetzten Regelungen über die Mitwirkung aller Gruppen und den überzogenen Bestimmungen zu Gunsten der Personalvertretung. Aber selbst wenn es hier zu einer Reduzierung der Regelungen kommen sollte, würde ein wesentlicher Unterschied etwa zu Unternehmen der Wirtschaft bestehen bleiben. Das Management eines Industrieunternehmens kann im Prinzip davon ausgehen, dass die Mitarbeiter auf das gleiche Ziel verpflichtet sind, nämlich optimale Ergebnisse zu erzielen, gleichgültig, ob man dabei in erster Linie an die Steigerung der Produktivität oder den „shareholder value“denkt. Bei Hochschulen stellt sich dies anders dar. Das Ziel des „Unternehmens Universität“ in dem Sinn, dass der Ruf der Einrichtung in Lehre und Forschung möglichst erstklassig ist, interessiert den einzelnen Professor erst in zweiter Linie. Für Wissenschaftler ist vor allem von Bedeutung, wie es um das eigene Ansehen bei Fachkollegen, um die Reputation im Umfeld, um die Akzeptanz bei den Studierenden bestellt ist. Insofern ist jeder Professor seine eigene „Ich-AG“.

Dass sich aus dem Mosaik der individuellen Wünsche ein Gesamtziel ergeben kann, ist zwar richtig. Dies darf aber nicht zu der Illusion führen, so etwas wie eine „corporate identity“ sei für Universitäten eine Selbstverständlichkeit. Die psychologischen Gegebenheiten und die Bedingungen, welche die Leitungen von Unternehmen zu berücksichtigen haben und die an den wissenschaftlichen Einrichtungen gelten, unterscheiden sich nicht unerheblich. Unternehmer oder Manager müssen auf Umsatz und Gewinn achten. Wissenschaftler sollen frei sein, Lehre und Forschung zu betreiben, wobei sie mit den ihnen anvertrauten Mitteln sparsam umzugehen haben. Dies gilt es zu beachten, wenn über die Möglichkeiten und Grenzen eines Managements an Hochschulen gesprochen wird. Sonst wird es die nächste Enttäuschung geben, wenn bessere Voraussetzungen geschaffen werden und dennoch nicht alles so läuft, wie es sich zum Beispiel Spitzenmanager aus der Industrie, die Mitglieder in Hochschulräten sind, vorstellen. Und manch vollmundige Selbstdarstellung, wie sie vor allem von Exponenten selbst ernannter unternehmerischer Universitäten verlautbart wird, kann sich schnell als Sprechblase erweisen.

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