Der politische Gastkommentar
Nicht mehr willkommen im Club

Die wirtschaftliche und politische Elite muss sich deutlicher von Übeltätern distanzieren
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Zu den Standardversatzstücken der Sonntagsreden von Politikern und Spitzenvertretern der Wirtschaft gehört, dass integraler Bestandteil der Führung von Unternehmen ein ethisch einwandfreies Verhalten der Manager, vor allem der aus der ersten Reihe, sein muss. Auch an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten wird das Fach „Ethik in der Wirtschaft“ mit der gleichen Zielsetzung gelehrt. In Fachzeitschriften und Magazinen lassen sich Gelehrte und Praktiker dazu vernehmen.

Dass die Wirklichkeit anders aussieht, weiß man nicht erst seit der Mannesmann-Affäre. Immer wieder gibt es Einzelfälle, aus denen dann zu Unrecht auf das Ganze geschlossen wird. Ob die anstehenden Enthüllungen in dem Liechtensteiner Steuerskandal flächendeckender sind, wird sich zeigen. Es steht außer Frage, dass Rechtsverletzungen Folgen nach sich ziehen müssen. Allerdings ist es eine Illusion zu glauben, schärfere Gesetze in der Form der Erhöhung des Strafrahmens würden abschreckend wirken. Entscheidend ist, wie groß das Risiko eingeschätzt wird, entdeckt zu werden. Nur so kann man sich erklären, dass Vaduz hohe Attraktivität hatte und offenbar viele annahmen, „auf der sicheren Seite“ zu sein. Andernfalls hätten mehr Steuersünder Gebrauch von der Möglichkeit gemacht, durch „Selbstanzeige“ einer möglichen Bestrafung zu entgehen.

Neben dem Fehlverhalten, das rechtlich geahndet werden muss, aber gibt es einen Bereich, der mit gesetzten staatlichen Normen nicht zu fassen ist. Dabei handelt es sich um Verhaltensweisen, die nicht nur Kopfschütteln verursachen, sondern einfach unanständig sind und im Volksmund auch schon mal als „Sauerei“ bezeichnet werden. Dazu gehören unverhältnismäßig hohe Abfindungen – besonders nach unstreitigen Fehlleistungen –, Massenentlassungen bei gleichzeitiger Erhöhung der Vorstandsbezüge oder „Kassemachen“ durch Einlösung von Vorzugsrechten beziehungsweise den Verkauf von Aktien des eigenen Unternehmens. Von extrem hohen Bezügen, die ein Manager pro Jahr erhält, während ein Mitarbeiter desselben Unternehmens für dieselbe Summe ein Leben lang arbeiten muss, ist dabei noch gar nicht die Rede.

Was nützt aber alle Aufregung, wenn die Verletzung der ungeschriebenen Regeln für ein verantwortungsvolles Handeln folgenlos bleibt? Dann darf man sich nicht wundern, dass die Maßstäbe bei der großen Masse der Bevölkerung verlorengehen. Warum soll der viel zitierte kleine Mann auf der Straße sie einhalten, wenn zwar heftig gegen Exzesse und bestimmte Raffkes gewettert wird, die sich aber ins Fäustchen lachen? Wie soll denen, die mit dem Begriff „soziale Gerechtigkeit“ Schindluder treiben, argumentativ begegnet werden, wenn die Bannerträger der Sozialen Marktwirtschaft die Gerechtigkeit mit Füßen treten? Dass das Fehlverhalten von einigen an der Spitze die allgemeine Moral untergräbt und denjenigen Auftrieb gibt, die unser Wirtschaftssystem infrage stellen, machen sich die Übeltäter wohl nicht hinreichend klar. Oder es ist ihnen gleichgültig. Die darin zum Ausdruck kommende Dummheit oder Arroganz disqualifiziert sie für Top-Positionen.

Immer wieder begegnet man aber solchen „Typen“. Wenn irgendjemand dem Kommunismus neuen Boden bereitet, dann sind es die Vertreter solcher Denkungs- und Handlungsart.

Repräsentanten der Wirtschaft verweisen darauf, dass die Mehrheit der Manager ihre Ämter korrekt und verantwortungsbewusst führt. Dass sie nicht unter den Generalverdacht gestellt werden dürfe, so machten es „die da oben“ alle. Dieser zutreffende Einwand gewänne an Gewicht, wenn man sich deutlicher von den „schwarzen Schafen“ distanzieren würde. Wenn aus aktuellem Anlass der BDI-Präsident erklärt, man werde die kriminellen Wirtschaftsführer ausgrenzen, dann ist das richtig, aber nicht genug. Auch solche, die nicht kriminell handeln, aber gegen einen Kodex der Anständigkeit verstoßen, sind als Vorbilder ungeeignet und schädigen das Ansehen eines ganzen Berufsstandes. In der Vergangenheit ist viel zu nachsichtig verfahren worden. Man rümpfte zwar die Nase; für die Betroffenen blieb ihr Fehlverhalten aber weitgehend folgenlos.

Es gab eine Zeit, da praktizierte man einen Ehrenkodex in der Weise, dass Personen, denen man solche Regelverletzungen vorwarf, „geschnitten“ wurden. In der Gesellschaft erlitten sie den „bürgerlichen Tod“, sie wurden ausgegrenzt. Das könnte man auch heutzutage praktizieren. Prestigeträchtige Klubs, denen sie angehören, könnten solchen Mitgliedern den Stuhl vor die Tür setzen. Einladungslisten für Veranstaltungen im öffentlichen oder privaten Bereich könnten „bereinigt“ werden. Womöglich sind solche negativen Exponenten auch noch Honorarprofessoren an einschlägigen Fakultäten. Wie wäre es, wenn es einmal zu einem Entzug des begehrten Titels käme? In dieser Richtung hat sich bisher noch keine Fakultät als besonders mutig hervorgetan. Politiker überbieten sich mit ungeeigneten Vorschlägen, wie man der Maßlosigkeit von raffgierigen Unternehmenslenkern beikommen kann. Alle Ideen, die ein rechtliches Instrumentarium zum Ziel haben, sind unpraktisch bis verfassungswidrig.

Es geht viel einfacher. Wer zwingt Regierungschefs oder Minister, Personen, denen entsprechende Vorwürfe gemacht werden, in Beratungsgremien zu berufen? Warum gehören solche Leute Reisedelegationen an, die zum Beispiel den Bundespräsidenten oder die Kanzlerin begleiten? Hier könnten sichtbare Zeichen gesetzt werden, die ihre Wirkung nicht verfehlen würden. „Ethik in der Wirtschaft“ würde auf diese Weise plausibler. Und diejenigen, die sie predigen, würden glaubwürdiger.

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