Deutsche Bank
Magische Grenze

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Die Deutsche Bank steht vor Gericht. Nach ihren eigenen Angaben laufen zurzeit neun Verfahren, die Kommunen oder kommunale Unternehmen angestrengt haben, dazu kommen noch Prozesse mit mittelständischen Unternehmen. Der bekannteste Fall betrifft die Stadt Hagen, bei ihm geht es um mehr als 50 Millionen Euro. Gestern startete ein Prozess in Würzburg. Verloren hat die Bank nach eigener Aussage noch kein Verfahren, eines hat sie glatt gewonnen, mit einigen Mittelständlern schloss sie Vergleiche.

Bei diesen Prozessen geht es um sehr spezielle Produkte, die eigentlich Zinsen sparen sollten, aber genau das Gegenteil erreichten. Und es geht noch um mehr: um das Geschäftsmodell der Banken, die Frage, wie sie künftig ihr Geld verdienen. Wer sich anschaut, wie diese Produkte funktionieren, fragt sich, über wen er mehr den Kopf schütteln sollte: die Bank, die sie verkauft hat, oder die Kunden, die sich darauf eingelassen haben. Es handelte sich jeweils um eine glatte Wette: Wenn die Zinsen sich gut entwickeln, wird der Kredit billiger als üblich, wenn es schlecht läuft, kann er aber extrem teuer werden. Hinzu kam zum Teil noch die Methode, den Kunden mit besonders billigen Konditionen für die ersten Jahre zu ködern. Mit derartigen Tricks wurde auch im US-Immobilienmarkt gearbeitet, mit fatalen Folgen für die gesamte Weltwirtschaft.

Warum bietet eine Bank so etwas an, und warum findet sie dafür Käufer? Der erste Teil der Frage beantwortet sich aus einem Dilemma der Finanzbranche: Mit simpel gestrickten Produkten ist schon lange kein richtiges Geld mehr zu verdienen. Manche Banken haben ihre Ertragsrechnung daher mit gefährlichen Spekulationen aufgebessert – mit zum Teil fatalen Folgen, siehe IKB und einige Landesbanken. Andere, wie die Deutsche Bank, bieten Firmenkunden – und zum Teil auch Kommunen – lieber strukturierte Produkte an. Die Logik dahinter: Der Kunde bekommt etwas, das speziell auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist, die Bank kann sich dafür mehr Marge abschneiden. Auch der Zertifikatemarkt für die Privatkunden funktioniert nach diesem Grundschema.

Bei dieser Art, Geschäfte zu machen, gibt es allerdings eine magische, auf den ersten Blick nicht immer sichtbare Grenze. Viel zu leicht landet man bei Produkten, die nicht nur maßgeschneidert sind, sondern scheinbar sowohl dem Kunden wie auch der Bank günstigere Konditionen bieten, als mit simplen Angeboten zu erreichen wären. Eine typische „Win-win-Situation“, wie das heute so schön heißt. Nur: Wenn beide Seiten einen Vorteil haben, dann beruht der fast immer auf einem versteckten Risiko. Ein Risiko, das möglicherweise nur selten, dafür dann aber umso heftiger zum Tragen kommt.

Und nun können wir raten, wer das Risiko trägt? Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, hat sein Institut nach eigener Aussage darauf getrimmt, Risiken zu „transformieren“ und möglichst nicht selbst zu übernehmen. Im Zweifel zahlt also der Kunde – der übrigens auch eine Bank sein kann.

Und warum kauft jemand diese Produkte? Wer die schwache Finanzsituation vieler Kommunen kennt und den enormen Druck, der auf den Kämmerern lastet, wird sich über nichts wundern. Was häufig im Management von Unternehmen gilt, spielt in der Kommunalpolitik auch eine große Rolle: Wenn man ein Problem nicht lösen kann, möchte man es wenigstens möglichst weit verschieben.

Vor Gericht geht es jeweils um viele Details. Zum Beispiel um die Frage, ob Kommunen derartige Geschäfte überhaupt abschließen dürfen. Für Nordrhein-Westfalen gibt es einen Erlass mit der Vorgabe: „Es ist grundsätzlich zulässig, Zinsderivate zur Zinsabsicherung zu nutzen.“ Zinsabsicherung ist freilich nicht dasselbe wie der Versuch, Zinsen dadurch zu sparen, dass man ein Risiko eingeht und hofft, dass alles gutgeht.

Es geht auch um die Frage, ob die Bank mit „Profis“ verhandelt hat, die wissen mussten, was sie tun. Das wird jeder, der einen Hauch von Kommunalpolitik mitbekommen hat, nur mit Einschränkung bejahen. Ein Kämmerer sollte merken, wenn eine Bank ihm eine Wette statt eines Absicherungsgeschäfts anbietet. Wie die Chancen für die Zinswette stehen, kann er aber kaum einschätzen. Doch sollte er verstehen, dass jede Wette der Bank, die sie anbietet, etwas einbringen muss, weswegen die Gewinnchancen ziemlich begrenzt sind. Der durchschnittliche Kommunalpolitiker dürfte freilich mit der Problematik überfordert gewesen sein – soweit er in die Entscheidung für die Zockerei überhaupt eingebunden war.

Auch falls die Prozesse gut für die Deutsche Bank ausgehen: Sie sollte sie zum Anlass nehmen, die magische Grenze neu zu bestimmen. Die Grenze, bei deren Überschreiten sie den Kunden keinen Maßanzug verkauft, sondern eine Katze im Sack andreht. Schließlich hängt daran auch die Glaubwürdigkeit der Bank.

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