Deutsche Bank/Postbank
Auf Vorrat kaufen

Stellen Sie sich einmal vor, Sie wissen schon heute, dass Sie in ein paar Monaten eine große Party feiern wollen. Der Preis für Champagner rauscht in den Keller, und Sie sind unsicher, ob das bis zur Ihrem Fest so bleibt. Was machen Sie?

Richtig: Wenn Sie nur irgendwie das Geld flüssig haben, schlagen Sie zu. Und sollte Ihnen der nötige Platz in der Wohnung fehlen, lassen sich die Kartons mit Sicherheit auch beim Weinhändler zwischenlagern - vielleicht gegen Zahlung eines geringen Aufschlags.

Ähnlich dürfte sich die Situation bei der Deutschen Bank und der Postbank darstellen. Im September hat Deutschlands Branchenprimus den Einstieg bei der Bonner Post-Tochter für knapp 2,8 Milliarden Euro angekündigt. Ab kommendem Jahr werden die Frankfurter zunächst 29,75 Prozent der Postbank-Anteile halten. Später könnte es auch durchaus mehr werden - das gewährleistet schon eine umfangreiche Kombination aus Kauf- und Verkaufsoptionen zwischen der Deutschen Bank und dem Postbank-Mehrheitseigentümer Deutsche Post.

Dumm nur, dass die Aktie der Postbank seit Verkündung des Deals fast drei Viertel an Wert verloren hat. Das führt dazu, dass die Deutsche Bank für ihren knapp 30-prozentigen Anteil mehr zahlen muss, als das komplette Institut heute an der Börse kostet. Bezieht man die Mehrkosten, die durch die umfangreiche Kapitalerhöhung der Bonner auflaufen, mit ein, blättert die Deutsche Bank 3,1 Milliarden Euro auf den Tisch - die Marktkapitalisierung der Postbank beträgt indes nur noch 2,5 Milliarden Euro.

Eine absurde Situation. Aber Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann bleiben nur wenige Stellschrauben, um diese hässliche Kalkulation zu relativieren. Sie alle setzen - lässt man die theoretische Option von Nachverhandlungen einmal aus - die komplette Übernahme der Postbank voraus.

Dass es auf Dauer so kommt, bezweifelt heute kaum jemand. Denn zum einen ist die Deutsche Bank keine Beteiligungsholding, zum anderen lassen sich erst bei einem Zusammenschluss umfassend Synergien heben. Letztere sind in Zeiten der Krise, wo Kosteneffizienz umso nötiger ist, entscheidend. Und schließlich macht es kaum Sinn, eine Bankengruppe zu schmieden, die gleich zweifach an der Börse notiert ist.

Wenn aber die Kontrollmehrheit aller Voraussicht nach nur eine Frage der Zeit ist, wieso dann nicht die günstigen Kurse nutzen und zumindest den noch verfügbaren Streubesitz zu günstigen Preisen sichern? Nach der Kapitalerhöhung werden zwischen 37,5 und knapp 50 Prozent der Postbank-Papiere noch am Markt sein. Nimmt man den aktuellen Kurs als Grundlage, würde man rein rechnerisch für den Free Float maximal etwa 1,7 Milliarden Euro aufwenden müssen. Ein Schnäppchen sozusagen, bei dem man in weiser Voraussicht zulangen sollte!

Die Fälle Schaeffler/Conti und Porsche/VW zeigen, dass die Schwelle für Pflichtangebote in Höhe von 30 Prozent dabei keineswegs ein ernsthaftes Hindernis sein muss. Was einem Familienunternehmen aus Herzogenaurach und einem Sportwagenbauer aus Zuffenhausen gelingt, müsste für die Crème de la Crème des Investment-Bankings eigentlich ein Klacks sein. Zumal es ausgefeilte Finanzinstrumente - Stichwort "Cash-Settled-Swaps" - gibt, mit denen sich die Deutsche Bank nach wie vor alle Optionen offenhalten würde. Sprich: den günstigen Postbank-Preis sichern, ohne in ein oder zwei Jahren zwingend mit den Aktien der Bonner dazustehen.

Ob dies tatsächlich die Strategie Ackermanns ist, weiß am Ende allen Spekulationen zum Trotz keiner. Und es lassen sich durchaus gewichtige Argumente gegen eine solche Strategie finden. So ist keineswegs sicher, dass die Finanzaufsicht ein solches Gebaren von Ackermanns Investment-Banking-Truppe abnicken würde. Was bei einem Autozulieferer durchging, muss im Falle von zwei Dax-Banken noch lange nicht grünes Licht erhalten. Auch mag manch einer bezweifeln, ob die Deutsche Bank angesichts Finanzkrise und drohender weiterer Milliardenabschreibungen überhaupt genügend Kapital hätte, hier auch noch tätig zu werden.

So richtig mag diese Fragen beim Branchenprimus keiner beantworten. Als die Spekulationen am Mittwoch hochkochten, beließ man es bei einem einzigen, dürren Satz: "Die Deutsche Bank hat keine Pläne für eine schnelle, komplette Übernahme der Postbank." Was dann vorschnell als Dementi verbreitet wurde, lässt in Wirklichkeit allerdings die zentralen Punkte offen. Ackermann würde fahrlässig handeln, wenn er nicht zumindest überlegen würde, wie sich aus dem historisch niedrigen Postbank-Kurs noch ein Vorteil schlagen ließe. Wie gesagt: Sie würden den Champagner im Sonderangebot doch auch schon mal auf Vorrat kaufen. Oder?

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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