Deutsche Börse
Analyse: Fakten schaffen!

Der Ausgang des Pokers um die Zukunft der Deutschen Börse ist auch nach den jüngsten Vorschlägen aus dem Umfeld des Wunschpartners Euronext ungewisser denn je.

Eine von der französischen Finanzplatzorganisation Europlace in Auftrag gegebene Studie, der nach seinem Autor benannte Lachmann-Report, lehnte zwar eine Fusion der Vierländerbörse Euronext mit der New York Stock Exchange (Nyse) ab. Doch der Jubel der Frankfurter war verfrüht.

Denn die Studie schlägt im Gegenzug die Eingliederung des deutschen Aktienmarktes in die Euronext vor. Eine gemeinsame kontinentaleuropäische Börse gibt es nach französischer Vorstellung also derzeit nur um den Preis der Zerschlagung der Deutschen Börse. Für die deutsche Wirtschaft ein zu hoher Preis.

Die Frage ist also: Welchen Handlungsspielraum hat Börsenchef Reto Francioni noch, um den Konzern zu erhalten? Er steht unter dem Druck der Hedge-Fonds um TCI-Chef Chris Hohn, der seinen Vorgänger Werner Seifert aus dem Amt gejagt hat. Hohn will um jeden Preis eine Fusion der Börse mit Euronext. Der Grund: Er hat mehr als zwei Milliarden Euro, dem Vernehmen nach 30 Prozent der ihm anvertrauten Gelder, in Aktien beider Börsen angelegt. Er benötigt ein Ereignis wie eine Fusion, an dem bei stark steigenden Kursen viele Aktien gehandelt werden. Nur so kann er die immensen Buchgewinne realisieren.

Die Drohung der Fonds, die mehr als 30 Prozent der Börsenanteile mobilisieren können: Kommt die Fusion nicht, zerlegt man die Börse und verkauft deren Bestandteile. Die Derivatebörse Eurex könnte an die Chicago Mercantile Exchange gehen und der Aktienmarkt an die Euronext. So gesehen ist der Lachmann-Report eine Einladung an die Hedge-Fonds. Kein Wunder, dass Euronext-Chef Jean-François Theodore diese Lösung unterstützt. Die Hedge-Fonds würden ihn zu Europas wichtigstem Börsenmanager küren.

Die von TCI geforderte Vollfusion ist vorerst vom Tisch, gescheitert am Widerstand einer Pariser Koalition aus Börsenmanagern, Bankern und Politikern. Die Furcht vor einer Dominanz des größeren Partners und einer Zerschlagung des Geschäftsmodells der Euronext ist wohl zu groß.

Die Option, das Übernahmeangebot zu erhöhen und damit die Aktionäre zu kaufen, gibt es nicht. Die genannte Koalition würde dies sofort torpedieren. Offensichtlich bleibt der Börse also nichts anderes übrig, als auf Zeit zu spielen. Zunächst wäre eine Fusion der Euronext mit der Nyse zu verhindern oder zu verzögern. Gleichzeitig müsste man den Hedge-Fonds ein Ausstiegsszenario schaffen. Mit solcher Verhinderungstaktik ist Frankfurt schon weit fortgeschritten. In der Schlacht um die öffentliche Meinung in den Euronext-Ländern hat sie geschickt die Angst vor der Macht der US-Finanzaufsicht SEC geschürt. So gesehen war die Ablehnung der Fusion von Euronext und Nyse durch den Lachmann-Report ein kleiner Sieg für Frankfurt. Ferner müsste man den Hedge-Fonds ein Ereignis bieten, das ihnen den Verkauf ihrer Aktien erlaubt. Das überraschend öffentliche Bekenntnis von Francioni im Frühjahr zu einer Euronext-Fusion oder periodisch auftretende Gerüchte über eine Zusammenarbeit mit Mailand oder Madrid könnten solche Versuche gewesen sein. Gebracht hat es bislang nichts.

Langfristig würde der bereits gezeigte Widerstand der Politik die Hedge-Fonds mürbe machen. Glauben diese nicht mehr an die Realisierbarkeit einer Fusion, würden sie ihre Beteiligung vermutlich verkaufen. Schließlich haben auch sie Investoren, die ihr Geld wiedersehen wollen. Die Frage ist aber, ob die Berliner Politik dem trommelfeuerartigen Werben für die „europäische“ Lachmann-Lösung, zuletzt durch Präsident Chirac selbst, nicht irgendwann erliegt.

Helfen könnten auch die deutschen Banken und Konzerne, die den Fonds ihre Anteile abkaufen und wie die Pariser Firmen ihre Börse stützen könnten. Deutsche Bank und Commerzbank haben sich bereits mit einem symbolischen Anteil von einem Prozent an der Deutschen Börse beteiligt. Den Banken müsste die Börse vermutlich entgegenkommen, indem sie die Gebühren senkt oder ihr gefragtes Abwicklungsgeschäft den Banken teilweise öffnet.

Wünschenswert wäre eine solche oder eine ähnliche Lösung im Interesse des Finanzplatzes Deutschland. Sie liefe auf eine teilweise Rückführung des Konzerns in den Status einer Genossenschaft hinaus. Allerdings müssten dazu viele Kräfte zusammenwirken. Dies zu organisieren wäre eine Aufgabe für Kanzlerin Merkel. Wohl gemerkt „organisieren“. Denn Fakten zu schaffen ist letztlich Aufgabe der Industrie, nicht des Staates. Ein Ruf nach der KfW wie im Falle EADS wäre das falsche Signal. Wer von der Börse profitiert, also in erster Linie Banken und Industrie, ist jetzt gefordert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%