Deutsche Börse
Verfehlter Patriotismus

Was haben Jürgen Klinsmann und Reto Francioni gemeinsam? Erstaunlich viel: Klinsmann sah sich einer Flut lästiger neopatriotischer Ratgeber ausgesetzt, dasselbe geschieht jetzt dem Chef der Deutschen Börse.

Von Francioni fordern Politik und Wirtschaft, dass er die Deutsche Börse über eine Fusion oder Übernahme zur führenden Wertpapierhandelsplattform Europas macht, obwohl dies in Paris und anderen Hauptstädten – ähnlich wie hier – auf nationale Abwehrreflexe trifft.

Vorschlag: Wir sollten es Francioni überlassen, in Ruhe ein Optimum herauszuholen. Und wir sollten ihm auf keinen Fall in den Rücken fallen. Das bedeutet für den Streit über das jüngste, sehr weitgehende Fusionsangebot der Deutschen Börse an die von Frankreich dominierte Vierländerbörse Euronext: Hessens Ministerpräsident Roland Koch hat sich mit seiner Kritik an Francionis Angebot zu weit aus dem Fenster gelehnt.

Man kann nicht gleichzeitig französische Politiker dafür kritisieren, dass sie sich in Fusionen und Übernahmen einmischen und dann als hessische Landesregierung Francioni plötzlich mit Blockade drohen. Bundeskanzlerin Angela Merkel war mit ihrer Zurückhaltung besser beraten als der hessische Standortlobbyist, dem kurzfristig Arbeitsplätze in der Region wichtiger sind als das Zukunftsprojekt einer großen europäischen Börsenfusion als Antwort auf die US-Dominanz auf den Weltkapitalmärkten.

Koch sollte sich auch deswegen zurückhalten, weil er nur verlieren kann. Denn am Ende entscheidet sowieso der Markt. Entweder kommt es in Europa früher oder später zu einer schlagkräftigen Börse, oder die zwei bis drei fusionsunwilligen Börsen werden sich mit oder ohne Hilfe der Amerikaner so lange bekämpfen, bis der Sieger feststeht. Die Investoren werden sich am Ende jedenfalls immer für die Börse entscheiden, wo der Handel am liquidesten ist, die Preise und Konditionen am besten sind. Das kann Frankfurt oder London oder der Euronext-Verbund sein, aber der Ausgang ist völlig offen. Wenn Frankfurt also auf die Fusion mit Euronext verzichtet, heißt das noch lange nicht, dass die Jobs am Main nachhaltig gesichert sind.

Die Politik muss endlich begreifen, dass auch Börsen Unternehmen sind, bei denen vor allem die Aktionäre das Sagen haben. Das sollte jedem klar sein, seitdem die Börsen-Aktie an der Börse notiert wie Schering oder Adidas. Gleichzeitig haben sie eine Schlüsselfunktion für die Kapitalmärkte und die dort geltenden Spielregeln. Deshalb ist eine Lösung wichtig, die den EU-Finanzmarkt stärkt. Wichtiger noch als die Frage, wer wo arbeitet. Natürlich wäre es bedauerlich, wenn im Zuge der Börsenkonsolidierung hochkarätige Arbeitsplätze aus dem Rhein-Main-Gebiet abwanderten, aber ohne Kompromisse funktionieren internationale Firmenzusammenschlüsse leider nicht.

In diesem Punkt hat es Klinsmann übrigens besser als Francioni: Am Ende zählt nur die Zahl der Tore. Wie der Ball den Weg ins Netz findet, hängt allein von den Spielern und nicht den Besserwissern auf der Tribüne ab. Bei der Börse scheinen gerade zu viele Köche den Brei zu verderben.

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