DEUTSCHE EINHEIT
Differenzierung Ost

Jahrestage haben die fatale Nebenwirkung, dass sie zu sinnlosen Verallgemeinerungen einladen, nach dem Motto: Wo steht Ostdeutschland 16 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Die beliebte Frage ist deshalb unsinnig, weil es „den Osten“ nur noch aus der Perspektive des Festredners gibt. In der Wirklichkeit hat er sich aufgelöst, weil ausdifferenziert.

Das gilt für Mentalitäten, die Wirtschaftsentwicklung und auch für Lebenschancen. Einen Sechzehnjährigen aus Dresden trennt im Hinblick auf politische Einstellungen, Musikgeschmack und Lebensziele mittlerweile wohl mehr von einem Gleichaltrigen in Cottbus als von einem in Saarbrücken.

Die ostdeutsche Industrie steigert ihre Investitionen in diesem Jahr deutlich stärker als die westdeutsche, in den vergangenen fünf Jahren war das durchschnittliche Wachstum stärker als im Westen, doch diese Statistiken sagen nichts mehr aus: Denn während Kreise wie Dresden und Oberhavel boomen, geht rund um Potsdam das Licht aus. Wo schon Länderdurchschnitte eine geringe Aussagekraft haben, kann man einen „Mittelwert Ost“ vergessen.

Die Dynamik dieses Auseinanderlebens aus Wachstum in den einen, Schrumpfung in den anderen Regionen bekommt mittlerweile auch die „Ostpartei“ PDS zu spüren. In den neuen Ländern hat sich eine – noch schmale – bürgerliche Schicht gebildet, die vielleicht FDP oder CDU, bestimmt aber nicht die Linkspartei wählt. Andererseits spielen die DDR-Nostalgiker tendenziell eine geringere Rolle als die verbitterten Modernisierungsverlierer, gerade auch unter Jugendlichen, die eher die Neonazis wählen.

Ein „Aufbau Ost“, eine „Gesamtstrategie Ost“ war also nie so deplatziert wie heute. Was zählt, ist die Differenzierung: Sie muss angenommen und begleitet werden.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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