Deutsche Industrie
Die neuen Hausaufgaben

Wer hoch steigt, der kann tief fallen. Nach einem mehr oder weniger ungebremsten dreijährigen Aufschwung hat die deutsche Vorzeigebranche, der Maschinen- und Anlagenbau, einen ziemlich schrecklichen Wonnemonat erlebt.
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Die Auftragseingänge knallten um zwölf Prozent nach unten. Mit einem solchen Einbruch hatten selbst hartnäckige Unkenrufer nicht gerechnet. Gleichwohl zeigt der deutlich aussagekräftigere Vergleich über mehrere Monate, dass die Industrie auch im ersten Halbjahr weiter hat zulegen können. Insofern scheint der Trend, dass gerade die deutsche Ausrüstungsindustrie von dem Wachstum der aufstrebenden Schwellenländer profitiert, vorerst noch intakt. Doch die Warnsignale mehren sich: Unsere wichtigsten europäischen Kunden darben. Auch darum weicht die Euphorie nüchternem Geschäftssinn. Die Hoffnung, sich in einer historisch geradezu einmaligen Situation von der großen Abwärtsbewegung abkoppeln zu können, ist zerstoben. Vom Atlantik her kommt die Kaltfront näher.

Nicht nur die schwächelnde Weltkonjunktur bereitet Sorgen. Das Gespenst der Inflation, ja das der Stagflation geht um. Manch einem der vielen gestandenen Weltunternehmer in der noch immer mittelständisch bestimmten Maschinenbau-Branche schwant, dass er in eine Falle aus Rezession und Inflation zu rutschen droht: wegbrechende Aufträge bei gleichzeitig kräftig steigenden Rohstoffpreisen und enormen Gehaltsansprüchen aufseiten der eigenen Beschäftigten.

Schnell wären bei diesem Schreckensszenario die neuen Reserven, die viele in der Branche in der Hochkonjunktur gesammelt haben, wieder aufgebraucht. Üppig ist die Eigenkapitalausstattung des deutschen Mittelstands ja noch immer nicht, überzogene Lohnforderungen gehen daher sehr schnell an die Substanz des Maschinenbaus.

Wie gut, dass gestern von der Tariffront Entspannungssignale kamen. Noch scheinen die Gewerkschaften die schmerzlich hohe Inflationsrate nicht für einen zu kräftigen Nachschlag missbrauchen zu wollen. Das gäbe den Unternehmen Planungssicherheit und sorgte in immer unsicherer Zeit für Entspannung, stünde nicht gleichzeitig heute die Gefahr einer Zinserhöhung in Europa im Raum. Für die hinkende Konjunktur wäre die zweifelsfrei Gift, zur allgemeinen Verunsicherung trüge eine solche Geldpolitik einiges bei.

Trotzdem hat der deutsche Maschinenbau keinerlei Grund, jetzt in Panik zu verfallen. Seine Lage ist, verglichen etwa mit der der Automobilindustrie, mehr als kommod. Während die Autobauer angesichts des Ölpreisschocks schon über die Frage grübeln müssen, wie künftig Mobilität ohne Sprit funktioniert, beschäftigt den deutschen Maschinenbau das Problem, wie sie die noch immer prall gefüllten Auftragsbücher abarbeiten können. Viele Unternehmen sind deshalb sogar froh, dass im Mai etwas Hitze entwichen ist.

Ein Signal aber haben die Verbände gestern unzweifelhaft ausgesendet. Die einmalige Phase einer ununterbrochenen Hochkonjunktur für Investitionsgüter ist vorbei. Für die Unternehmen heißt das, erst Aufträge abarbeiten, dann die neuen Hausaufgaben: Es wird allmählich Zeit, wieder ans Sparen zu denken.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter

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