Deutsche Telekom
Obermanns Weg

Die ersten 100 Tage des neuen Telekom-Chefs René Obermann sind zwar noch lange nicht vorbei – dennoch lastet bereits heute ein gewaltiger Druck auf dem jungen Top-Manager. Es wird erwartet, dass der 43-Jährige schon bei der Aufsichtsratssitzung am nächsten Dienstag die Eckpfeiler seiner Strategie skizzieren wird.

Was will er anders machen als sein zuletzt glückloser Vorgänger Kai-Uwe Ricke? Und: Mit welcher Vision soll der Wert von Europas größtem Telekommunikationskonzern nachhaltig gesteigert werden? Denn eines ist klar: Die entscheidenden Großaktionäre – der Bund und der Finanzinvestor Blackstone – wollen steigende Aktienkurse sehen. Die miese Performance der T-Aktie in den letzten zwei Jahren mit einem Verlust von rund 15 Prozent hat Ricke letztlich das Genick gebrochen. Der neue Vorstandschef wird alles daransetzen müssen, den Negativtrend zu stoppen. Obermann hat bereits bei seinem Amtsantritt angekündigt, dass für ihn Servicequalität und Kundennähe die entscheidende Rolle spielen. Doch wie will man dies erreichen, wenn die Organisation nicht auf diese Ziele zugeschnitten ist?

Derzeit operieren drei vergleichsweise unabhängige Sparten unter der Konzernholding: das Festnetzgeschäft T-Com, die Mobilfunktochter T-Mobile und die Geschäftskundensäule T-Systems. Wesentlich sinnvoller wäre es, die Organisation künftig der Kundenstruktur anzupassen. Das hieße, neben der Einheit für Business-Kunden eine Sparte für Privatkunden zu schaffen, in der Festnetz, Mobilfunk und das Internetzugangsgeschäft verschmelzen würden. Der Konzern trüge damit der Konvergenz der unterschiedlichen Kommunikationswege Rechnung. Und er könnte durch attraktive Bündelangebote aus der Defensive kommen.

Was auf den ersten Blick stringent klingt, dürfte sich allerdings als komplex in der Umsetzung erweisen. Denn eine drastische Reorganisation kann nicht im Hauruck-Verfahren geschafft werden. Daher ist es sinnvoll, wenn Obermann die Herkulesaufgabe in mehreren Stufen anpacken wird, um in vielleicht 12 bis 18 Monaten seine Wunschstruktur zu erreichen. Dass dies generell machbar ist, beweist die France Télécom, die unter der Marke „Orange“ ihr Privatkundengeschäft gebündelt hat.

Es liegt auf der Hand, dass der neue Boss dafür neue Spitzenleute im Vorstand benötigt. Und man konnte sich an zehn Fingern abzählen, dass diese neuen Top-Führungskräfte aus Obermanns bisherigem Betätigungsfeld T-Mobile stammen werden. Ähnlich läuft es ja beim kürzlich berufenen VW-Chef Martin Winterkorn, der seine engsten Mitarbeiter aus dem Umfeld seines Ex-Arbeitgebers Audi rekrutieren wird. Von entscheidender Bedeutung ist nun, ob sich die künftigen Chefs von T-Com, Timotheus Höttges, und T-Mobile, Hamid Akhavan, als „Integratoren“ bewähren. Bislang war es bei der Telekom ja schlechter Usus, dass sich die Spartenchefs unter passiver Beobachtung des Konzernchefs Ricke heftige interne Konkurrenz lieferten – vorbei an den Kunden und zum Schaden des Unternehmens. Dem muss endlich ein Ende gesetzt werden. Höttges und Akhavan sollten sich die Vorbereitung auf eine neue – eine integrierte – Konzernstruktur zu ihrer zentralen Aufgabe machen.

Bei all den bevorstehenden Schwierigkeiten darf Obermann indes nicht das Risiko unterschätzen, dass sich der Konzern mittelfristig nur noch mit sich selbst beschäftigen wird. Denn die Welt bewegt sich weiter, speziell in einer so stark von neuen Technologien und sich rasant wandelndem Nutzerverhalten geprägten Branche. Obermann muss Marktnähe und Kundenorientierung also tief in die Lungenkammer des früheren Staatsmonopolisten einhauchen. Seine bisherige Erfolgsbilanz lässt hoffen, dass er der richtige Mann an der richtigen Stelle ist.

Ein weiteres Thema darf Obermann nicht wie sein Vorgänger Ricke ausblenden: die grenzüberschreitende Konsolidierung in Europa nimmt Fahrt auf. Die Übernahme des spanischen Mobilfunkers Amena durch die France Télécom ist dafür ein Indiz, ebenso der Kauf des britischen Mobilfunkers O2 durch Telefonica aus Spanien. Ein Riese wie die Deutsche Telekom muss hier mit den Wölfen heulen. Obermann sollte seinen Blick mal nach Süden schweifen lassen, auf die Telecom Italia oder deren Mobilfunktochter TIM.

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