Deutsche Wirtschaft brummt
Die gute Konjunktur verlangt einen Plan

Der Aufschwung in Deutschland gewinnt im achten Jahr an Stärke. Prognosen sagen weiteres Wachstum voraus. Doch die Jamaika-Sondierer lassen die Chance ungenutzt, die Zukunft richtig zu gestalten. Ein Kommentar.
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BerlinDie Sondierungen von CDU, CSU, FDP und Grünen über eine Regierungsbildung verlaufen auch in ihrer vierten Woche noch immer zäh und schleppend. Dabei hatte seit mehr als 40 Jahren keine mögliche Koalition eine so stabile wirtschaftliche Basis, um Politik gestalten zu können wie die unwilligen Jamaikaner. Der Aufschwung, in seinem achten Jahr fast so lang wie jener der 1980er-Jahre, flaut nicht etwa ab, was nach so langer Zeit durchaus normal wäre. Er gewinnt in diesem Jahr immer weiter an Kraft. Das bestätigt nach allen optimistischen Frühjahrsindikatoren nun einmal mehr das Statistische Bundesamt mit dem ersten Überblick über den Verlauf des dritten Quartals 2017. Es bescheinigt der deutschen Wirtschaft erneut ein kräftiges Wachstum.

Die gute Stimmung in den Unternehmen hat also eine überaus solide Basis: Die Binnenkonjunktur läuft einfach stabil weiter. Die neue Stärke der Industrie resultiert aus der neuen Nachfrage aus den Euro-Nachbarstaaten. Diese arbeiten sich gerade Stück für Stück aus der Finanz- und Eurokrise heraus. Die Wirtschaft wächst inzwischen in allen Euro-Staaten – außer in Griechenland – stärker als alle Konjunkturexperten noch im Frühjahr erwartet hatten. Das Ifo-Institut stellte gerade fest: Es gibt inzwischen einen Gleichklang des Wachstums in Europa, die Raten unterscheiden sich nur geringfügig.

Für die Exportwirtschaft heißt dies: enorme Zuwächse bei den Aufträgen. Deutschlands Dax-Konzerne korrigieren ihre Gewinnerwartungen in diesem Herbst ebenso nach oben wie die Wirtschaftsweisen und die Ökonomen der Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Konjunkturprognosen.

Die jüngsten Prognosen sagen Deutschland in diesem Jahr ein Wachstum von 2,0 Prozent und für 2018 ein ähnlich starkes Wachstum voraus. Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts, nach denen im Jahresvergleich das Wachstum bereits über zwei Prozent liegt, zeigen: Weitere Korrekturen nach oben zum Jahresende sind wahrscheinlich. Im Euro-Raum ziehen sich gerade die Staaten gegenseitig nach oben. Das spricht für weiteres stabiles kräftiges Wachstum.

Das ist zunächst einmal Anlass für Zukunftsoptimismus. Und die neue Koalition hat endlich eine Basis, marode Infrastrukturen zu reparieren, digitale Netze optimal auf- und auszubauen und die Bildung so zu verbessern, dass jedes Kind eine Chance auf einen guten Start ins Arbeitsleben erhält. Umso frustrierender ist es, die Sondierungsverhandlungen zu beobachten. Wo ist der gemeinsame Gestaltungswille für eine gute Zukunft?

Noch bevor Jamaika angefangen hat, scheinen sich die vier Parteien nur mehr darüber zu zerlegen, wessen Klientel die meisten Milliarden aus den Staatskassen bekommen soll. Wenn das die neue bürgerliche Koalition werden soll, wäre das von allen gefürchtete Neuwahl-Szenario gar nicht mal das schlechteste.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Deutsche Wirtschaft brummt: Die gute Konjunktur verlangt einen Plan"

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  • "...wäre das von allen gefürchtete Neuwahl-Szenario gar nicht mal das schlechteste."
    Frau Riedel, lassen Sie den Konjunktiv weg ! Neuwahlen sind in dieser Situation nicht nur der beste sondern der einzig gangbare Weg, um aus der Sackgasse herauzukommen. Jamaika ist ein "Hirngespinst" wie die Schweizer NZZ richtig kommentierte.

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