Deutschland-Frankreich: Enthaltsames Paar

Deutschland-Frankreich
Enthaltsames Paar

Demonstrativ haben Angela Merkel und Jacques Chirac am Montagabend in Versailles die deutsch-französische Freundschaft beschworen. Ohne den gemeinsamen Motor bleibe Europa stehen, versicherte die Bundeskanzlerin. Schon das Vokabular klang dabei nach alten Zeiten.

Doch die Realität sieht anders aus: In der hält die Bundesregierung an der EU-Verfassung fest, Frankreichs politische Führung schlägt dagegen vor, den Vertragsentwurf zu zerpflücken. Deutschland bemüht sich in der Krise um Irans Atomprogramm um ein gemeinsames Vorgehen mit Russland und China, der französische Staatspräsident Jacques Chirac stößt zögernde Staaten und die Öffentlichkeit mit missverständlichen Äußerungen über einen möglichen Atomschlag vor den Kopf – da mag sich Merkel in Versailles noch so demonstrativ hinter Chirac stellen. Paris traktiert die EU seit Monaten mit der Bitte um eine Sonderregelung bei der Mehrwertsteuer, die Berlin nicht mag und nur aus Rücksichtnahme auf den Partner konstruktiv begleitet.

Die Liste ließe sich fortsetzen, und sie erweckt den Eindruck, dass die bis zum französischen Verfassungsreferendum hoch gelobte Kooperation trotz neuer rhetorischer Bemühungen nicht mehr viel hergibt. In französischen Medien heißt es, das deutsch-französische Paar schlage mit den Flügeln. Ein führender Vertreter der Chirac-kritischen Partei UDF bemüht das Vokabular von Eheberatern: Man sei noch nicht beim Ehebruch, aber das „couple franco-allemand“ leide unter Enthaltsamkeit.

Das Desinteresse ist zumindest nicht zu übersehen. Als der französische Premierminister Dominique de Villepin den Reigen der Humboldt-Reden fortsetzte, nahm das in Deutschland so gut wie niemand zur Kenntnis. Dies hat zwei Gründe: Erstens war der Termin für den Premier nur die Gelegenheit, seinem politischen Rivalen, Innenminister Nicolas Sarkozy, eins auszuwischen und vor ihm von Merkel empfangen zu werden. Innenpolitische Taktik bestimmt seit Monaten den Umgang französischer Spitzenpolitiker mit ihren deutschen Freunden. Zweitens, und das ist das strukturelle Problem der Beziehungen zwischen den beiden Staaten, ist de Villepin neben Chirac und Sarkozy eben nur einer von dreien, die den französischen Part im binationalen Paar spielen wollen. Die Rolle kann aber nur einer übernehmen.

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