Deutschland zur Jahreswende
Rückfall in die Sozialromantik

Wirtschaftlich war 2007 ein gutes Jahr. Aber ein gutes Jahr für unsere wirtschaftliche Zukunft war es nicht. Deutschland steigerte sich in den vergangenen zwölf Monaten in eine seltsame Mischung aus Konjunkturbesoffenheit und Reformmüdigkeit hinein, in der alle künftigen Probleme bis zur Unkenntlichkeit am Horizont verschwimmen. Wer ökonomisch argumentiert, verliert.

Das alte Wieselwort „Gerechtigkeit“ verdrängt alle nüchternen Begriffe. Der Zeitgeist weht von links: quer durch die Gesellschaft, quer durch alle Parteien. Und in der Politik steigen die irrwitzigsten Debatten auf wie Kohlensäureblasen, die aus der Flasche schießen: Mindestlohn für alle! Managergehälter begrenzen! Ausländische Staatsfonds raus aus Deutschland! Das Arbeitslosengeld verlängern! Mehr Geld für die Sozialetats! Gott schütze die Deutsche Post und alle halbstaatlichen Kartelle!

Deutschland war schon einmal weiter. Dachte man zumindest.

Es gab Zeiten, in denen die SPD auf dem Weg zur deutschen Version von „New Labour“ war. Jetzt beharrt sie auf dem „demokratischen Sozialismus“ im Parteiprogramm. Es gab Zeiten, in denen die CDU mit (wirtschafts-)liberalem Gedankengut liebäugelte, statt „Rüttgers Club“ für alle zu servieren. Und wer erinnert sich noch an die drängelnde Reformrhetorik und belehrende Globalisierungsmetaphorik in den linksliberalen Medien? Gerade anderthalb, zwei Jahre ist es her. Doch jetzt entdeckt der „Spiegel“ pünktlich zum Fest in einer großen Titelgeschichte „Die Gerechtigkeitslücke“ unterm Weihnachtsbaum. Und in der „Zeit“ irrlichtert der Soziologe Wilhelm Heitmeyer wie in den guten alten Zeiten linker Selbstgewissheit wieder mit einer Weihnachtspredigt herum gegen „ökonomistisches Denken“, „kapitalistische Logik“ und die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“. Süßer die Glocken nie klangen!

Das große Modernisierungspendel schwingt, wenn die Zeichen nicht täuschen, mit lautem Sozialgetöse zurück. Nach wenigen kurzen Jahren im Kältestrom des kapitalistischen Sachzwangs zieht es die überwältigende Mehrheit zurück in den trägen Wärmestrom der Schutz- und Umverteilungsgesellschaft. Niemand will ihn mehr hören, den Ruf nach Anpassung an die Globalisierungszwänge, nach ökonomischer Vernunft, nach eisernem Sparen. Wir erleben vor unseren Augen nicht nur einen öffentlichen Themenwechsel. Es geht vielmehr um einen „romantischen Rückfall“, wie ihn der berühmte Politikwissenschaftler Richard Löwenthal 1970 mit Blick auf die Studentenrevolte der 68er konstatiert hatte. Eine neue soziale Romantik durchzieht den ganzen Überbau der Gesellschaft, während die realwirtschaftliche Basis mehr denn je vom harten globalen Wettbewerb profitiert, aber als politischer Sinnstifter offenkundig versagt.

Der große Religionsphilosoph Paul Tillich definierte Romantik als Geisteshaltung, die sich nicht auf das Abenteuer der Selbstbestimmung einlassen will. Die deutsche Romantik des ausgehenden 18. Jahrhunderts widersetzte sich der kalten politischen und philosophischen Vernunft der Aufklärung, der klassischen Strenge in der Kunst und dem progressiven Fortschrittsglauben der beginnenden Industrialisierung. Ergriffenheit ersetzte Engagement, Sehnsucht nach der „goldenen Vergangenheit“ des deutschen Nationalstaats verdrängte den universalen Traum der französischen Revolution. Rüdiger Safranski beschreibt die Romantik in seinem gleichnamigen Buch als „deutsche Affäre“ mit vielen Folgen – und mit vielen zeitgenössischen Widergängern im 20. Jahrhundert. Die Vermutung des Soziologen Helmut Schelsky, die „skeptische Generation“ der deutschen Wiederaufbaujahre würde die „romantische Politik“ ein für alle Mal erledigen, hat sich nicht erfüllt. Vor allem die Sozialromantik überlebt offenbar schadlos den „Zusammenbruch aller linken Gesellschaftsmodelle“, wie der Schriftsteller und Publizist Florian Felix Weyh vor kurzem zu Recht schrieb.

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