Devisenreserven
Schwacher, starker Dollar

Das Weltwährungssystem lässt sich nur langfristig verändern. Erst müssen die ökonomischen Ungleichgewichte beseitigt werden. Und Pläne, zum Gold zurückzukehren oder auf Währungskörbe zu vertrauen, sind unrealistisch.
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Wie kann es angehen, dass unser Weltwährungssystem immer noch auf dem Dollar beruht, obwohl gerade diese Währung schlechter als jede vergleichbare durch Vermögenswerte gedeckt ist und obwohl die USA im Boom über ihre Verhältnisse gelebt haben und dann die Brutstätte der Finanzkrise geworden sind? Gibt es keine solideren Alternativen?

Ein Teil der Antwort auf diese Fragen lautet: Der Dollar steht nicht trotz, sondern gerade wegen der Probleme der USA im Vordergrund. Anders gesagt: Man kann die weltwirtschaftlichen Probleme nicht lösen, indem man das Währungssystem umbaut. Sondern das Währungssystem kann erst dann auf eine bessere Grundlage gestellt werden, wenn die wirtschaftlichen Ungleichgewichte beseitigt worden sind.

Welches Szenario ergibt sich daraus? Kurzfristig kommen wir nicht los vom Dollar. Im Laufe der Zeit dürfte er aber an Bedeutung verlieren - zugunsten des Euros und asiatischer Währungen. Die Ideen, wieder zum Goldstandard zurückzukehren oder auf künstliche Währungskörbe überzugehen, werden dagegen eher eine Nebenrolle spielen.

Beginnen wir mit der gigantischen Schieflage, die letztlich die Grundstruktur des Booms wie auch der Finanzkrise gebildet hat: Amerika konsumiert wie wahnsinnig, China produziert wie verrückt. Die Amerikaner können die Ware in Dollar bezahlen oder in chinesischer Währung. Im zweiten Fall müssen sie aber chinesische Währung gegen Dollar kaufen. In beiden Fällen sammeln sich in China hohe Dollar-Reserven an. Der einzige Ausweg bestünde darin, dass sich der amerikanische Staat oder US-Unternehmen in chinesischer Währung verschulden - so ähnlich wie manche Konzerne Anleihen in japanische Yen begeben. Dazu müsste aber nicht nur der chinesische Kapitalmarkt liberalisiert und die Währung frei konvertierbar sein. Außerdem müssten die Zinsen in China niedriger sein als in den USA. Das ist theoretisch denkbar, wenn China eine reife Volkswirtschaft wird. Oder wenn die Dollar-Zinsen steigen, weil die Investoren der Währung misstrauen - aber dann würde für Amerikaner auch das Risiko einer Aufnahme von Fremdkrediten wachsen.

Das Gedankenexperiment zeigt: Bei realistischen Annahmen sind das Handelsungleichgewicht zwischen China und den USA und die hohen Dollar-Bestände der Chinesen zwei Seiten derselben Medaille. Ließe sich das Problem lösen, indem man auf eine ganz andere Währung, zum Beispiel Euro, Yen, einen Korb wie die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds oder gar auf Gold umsteigt? Auch nicht. Nehmen wir an, die Amerikaner zahlen in Euro. Die Chinesen könnten dann theoretisch Euro statt Dollar horten. Aber irgendwelche anderen Investoren müssten im Gegenzug Euro-Bestände auflösen und Dollar-Bestände ansammeln - nämlich diejenigen, die den Amerikanern Euro gegen Dollar verkaufen, damit diese ihre Euro-Rechnungen bezahlen können. Per Saldo entstehen also keine neuen Euro-Reserven, sondern doch wieder Dollar-Reserven, auch wenn einzelne Investoren ihre Bestände diversifiziert haben mögen, was durchaus sinnvoll ist.

Man kann es auch so sagen: Wer Schulden macht, schafft dadurch für seine Gläubiger Vermögen. Das ist unvermeidlich. Auf dieser etwas unheimlichen Mechanik beruht letztlich unser ganzes Weltwährungssystem. Und daran wird sich auch nichts ändern, solange die Schulden nicht zurückgezahlt sind, was aber vollständig mit ziemlicher Sicherheit nie passieren wird, weil es einen derartigen Schrumpfungsprozess der Weltwirtschaft verursachen würde, dass wir dann alle vom Gemüse aus dem Schrebergarten leben müssten.

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