Die Außenansicht
Unternehmerischer Mut wird zu wenig belohnt

Der Sprung in die Selbstständigkeit ist zu teuer. Die Politik sollte Anreize schaffen, statt Hürden zu errichten.
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Viele Arbeitnehmer haben schon einmal mit dem Gedanken gespielt, sich selbstständig zu machen, ein Unternehmen zu gründen, endlich der eigene Chef zu sein. Eine faszinierende Idee.

Eine Frage ist aber bei dieser Entscheidung besonders wichtig: Wie viel müsste man als Selbstständiger oder Unternehmer verdienen, um mindestens seinen bisherigen Lebensstandard aufrechterhalten zu können?

Häufig lohnt sich der Sprung in die Unabhängigkeit allein deswegen nicht, weil der Arbeitnehmer dabei zu viele erworbene Ansprüche aufgibt. An diesem Punkt sollte die Politik neue Konzepte entwickeln, die den Schritt zum Unternehmertum fördern, statt ihn zu behindern.

Konkret geht es darum: Wie hoch müsste das Bruttoeinkommen als Selbstständiger sein, wenn man - wie bisher als Arbeitnehmer - zum Beispiel über mindestens 1 500 Euro netto im Monat verfügen will? Das bisher verdiente Nettoeinkommen ist die Mindestgrenze. Denn wer will sich schon selbstständig machen, wenn er dadurch wirtschaftlich schlechter dasteht?

Die Frage ist im Detail schwer zu beantworten. Das Nettoeinkommen eines Selbstständigen wird nämlich aufgrund der Sozialgesetze durch viele Faktoren ganz anders beeinflusst als das eines Arbeitnehmers. Es macht einen Unterschied, ob ein Arbeitnehmer - oder eine Arbeitnehmerin - sich mit 25 oder mit 45 Jahren selbstständig machen will, ob er verheiratet ist oder ledig, ob er ein, zwei oder gar kein Kind hat, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.

Das Institut für Wirtschaftsforschung (IfM) in Bonn hat in einem Forschungsprojekt eine Vielzahl von Modellrechnungen durchgeführt, um genau die hier gestellte Frage des erforderlichen Bruttoeinkommens zu ermitteln. Die Ergebnisse dieser umfassenden Berechnungen sind in mehrfacher Hinsicht überraschend: Viele Arbeitnehmer müssen, wenn sie sich selbstständig machen wollen, spürbar mehr als bisher verdienen, um ihren Lebensstandard aufrechterhalten zu können. Der Unterschied liegt häufig bei mehr als zehn Prozent. Denn mit dem Wechsel entstehen in vielen Fällen beträchtliche zusätzliche Kosten für die soziale Absicherung.

Diese in der öffentlichen Diskussion bisher noch weitgehend übersehene "Schwelle der Nachteile" müssen viele Arbeitnehmer erst einmal überwinden, ehe es sich für sie finanziell lohnt, ihr eigener Chef zu werden. Zusätzlich ist zu berücksichtigen: Selbstständige müssen - anders als Arbeitnehmer - auch einen Urlaub, die Risiken eines Unfalls, eine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitslosigkeit und gegebenenfalls den Mutterschutz finanziell absichern. Insofern kann die zu überwindende "Schwelle der Nachteile beim Selbstständigmachen noch deutlich höher liegen. Dies könnte eine durchaus rationale Erklärung dafür sein, dass - oft beklagt - der Wille, unabhängig zu werden, in Deutschland scheinbar geringer ist als zum Beispiel in den USA.

Der Grund dafür, dass das Bruttoeinkommen der Selbstständigen deutlich höher liegen muss, sind vielfältige Regelungen der sozialen Absicherung, insbesondere bei der Kranken- und der Rentenversicherung. Ein Wechsel kann hier sehr teuer werden. Die "Schwelle der Nachteile" ist dabei das Spiegelbild der sozialen Vergünstigungen für Arbeitnehmer. Je höher die sozialpolitischen Vergünstigungen für Arbeitnehmer, desto teurer wird es, auf diesen Status und damit auch auf die Vergünstigungen zu verzichten.

Ein besonders gravierendes Beispiel sind die Regelungen in der gesetzlichen Krankenversicherung. Ein gering verdienender Selbstständiger muss seinen Beitragssatz von 15 Prozent seines Einkommens in voller Höhe leisten, das sind mindestens 2 208 Euro pro Jahr. Dies kann mehr als das Doppelte dessen sein, was er bisher als Arbeitnehmer gezahlt ist. Ein so hoher Betrag ist eine nicht zu unterschätzende Belastung für einen noch wenig verdienenden Menschen.

Wirtschaftspolitisch wäre es wünschenswert, die "Schwelle der Nachteile" beim Wechsel in die Selbstständigkeit abzubauen, zumindest in keinem Fall weiter zu erhöhen. Ideal wäre es zum Beispiel, wenn ein Wechsel zwischen den sozialen Sicherungssystemen, insbesondere bei der Krankenversicherung, der Pflegeversicherung und der Rentenversicherung, weitgehend ohne finanzielle Nachteile erfolgen könnte. Voraussetzung hierfür wäre, dass erworbene Rechte in dem bisherigen Sicherungssystem in das neue System übertragen werden könnten.

Besonders dringend ist der Handlungsbedarf bei den Unternehmern mit geringem Einkommen. Für sie wäre vor allem in der gesetzlichen Krankenversicherung eine Gleichbehandlung mit Arbeitnehmern, die über entsprechend niedrige Bruttoeinkommen verfügen, anzustreben.

Es ist eine enorm wichtige Frage, ob die finanziellen Anreize, sich selbstständig zu machen, für einen Arbeitnehmer oder einen Arbeitslosen heute ausreichend sind. Dies ist in vielen Fällen keineswegs garantiert. Doch wer sich selbstständig macht und die damit verbundenen Risiken und Belastungen auf sich nimmt, erwartet natürlich auch ein spürbar höheres Nettoeinkommen als vorher.

Leistung muss sich lohnen. Wer sich selbstständig macht, sollte deshalb im Schnitt ein spürbar höheres Einkommen erzielen als vorher als Arbeitnehmer. Statt einer "Schwelle der Nachteile" brauchen wir genau das Gegenteil: Anreize, die Mut machen, Unternehmer zu werden.

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