Die Lage im Irak
Der irakische Teufelskreis

Schritt für Schritt verabschiedet sich die US-Regierung von ihrem rosaroten Szenario einer Hauruck-Demokratisierung des Iraks. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte vor Tagen schon mal vorsorglich gewarnt, dass die Gewalt am Golf eher noch zunehmen werde. Vermutlich kannte er zu jenem Zeitpunkt bereits das neueste Szenario der amerikanischen Geheimdienste, das nun sogar die Gefahr eines Bürgerkrieges an die Wand malt.

Mit der bisherigen Strategie ist der Widerstand nicht zu brechen, lässt sich der Irak nicht befrieden. Dringend müsste die amerikanische Regierung Konsequenzen ziehen und ihr Vorgehen ändern. Doch das geschieht schon deshalb nicht, weil Präsident George W. Bush und seine Berater im Wahlkampf jede Neuorientierung als politisch allzu riskant fürchten.

Vorbei die Zeit, da der in High-Tech- Waffen vernarrte Verteidigungsminister Rumsfeld sich als Architekt eines Blitzkrieges feiern ließ. Nicht nur in den USA, weltweit hat mittlerweile eine neue Debatte begonnen: Sind die US-Truppen im Irak noch Teil der Lösung oder vielmehr ein Teil des Problems?

Wurstelt Bush weiter wie bisher, muss er mit einer Verschärfung des Terrors rechnen. Mit Luftangriffen auf einzelne Widerstandsnester ist es nicht getan. Sie führen zudem fast täglich zu zivilen Opfern, die man vermeiden wollte – und die den Antiamerikanismus der Iraker verstärken. Wird das US-Militär hingegen massiv aufgestockt und in den Straßenkampf geschickt, dürfte die Zahl der amerikanischen Kriegstoten dramatisch steigen. Das wäre Gift für den Wahlkampf von Präsident George W. Bush und würde die Vietnam-Diskussion in den USA anfachen. Einen Rückzug aus dem Irak kann er sich ebenso wenig leisten: Das wäre das Eingeständnis einer Niederlage.

Der demokratische Herausforderer John Kerry hat sich zwar für einen Rückzug der US-Truppen innerhalb von vier Jahren ausgesprochen. Doch das sind populistische Beruhigungspillen für die Heimat. Auch er ist unentschlossen, was die weitere Strategie angeht. Kerry versucht, das Problem zu europäisieren: Die Verbündeten sollen im Irak stärker Flagge zeigen. Der Ausbruch aus dem Teufelskreis gelingt so nicht.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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