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Die Moral der Manager

Deutschland im Jahre fünf nach der Übernahmeschlacht um Mannesmann: Was kann diese Republik nach angeblichen Heuschreckenattacken und Sexskandalen bei VW noch erschüttern? Eine Revision des Mannesmann-Prozesses vor dem Bundesgerichtshof? Die Antwort ist eindeutig: Ja. Josef Ackermann, Chef der prominentesten Bank, muss sich ab heute vor den Karlsruher Richtern verantworten. Das ist Stoff genug für erneute heftige Debatten über Verantwortung und Moral der Wirtschaftselite dieses Landes.

Dabei treten die Richter gar nicht an, den Vorwurf der schweren Untreue zu prüfen. Sie beurteilen nur, ob das Verfahren neu aufgerollt wird, und nicht, ob Ackermann und andere Aufsichtsräte der früheren Mannesmann AG Prämien in Millionenhöhe verschleudert haben. Ackermann bleibt somit in der Öffentlichkeit das Symbol für ungezügelte Raffgier der Manager. Skandale wie bei VW liefern Kritikern zudem neue Argumente. Selbst Betriebsräte bedienten sich zum Schrecken aller schamlos selbst.

Da liegt der Verdacht nahe, dass es mit der Moral heimischer Manager nicht weit her sein kann. Doch der Schluss ist falsch. Im Gegenteil: Die Schiebereien in Wolfsburg sind aufgeflogen, weil die Selbstreinigungskräfte der Wirtschaft inzwischen funktionieren. Kein Staatsanwalt hat Lug und Betrug bei VW aufgedeckt, sondern Manager und Aufsichtsräte selbst.

Zugegeben: Eine perfekte Corporate Governance sieht anders aus. Warum müssen Vorstände erst per Gesetz gezwungen werden, ihr Gehalt offen zu legen? Doch Transparenz und klare Regeln der Unternehmensführung machen Fortschritte. Noch vor wenigen Jahren galt der Corporate-Governance-Kodex der Wirtschaft als akademische Übung. Inzwischen ist er anerkannter Prüfstein für verantwortungsvolles Handeln der Manager.

Die Politik darf sich deshalb nicht zu Aktionismus verführen lassen. Mannesmann oder VW sind kein Grund, Höchstgrenzen für Abfindungen zu setzen oder Strafen für Selbstbediener zu verschärfen. Gerichte urteilen ohnehin nicht über die Moral der Manager. Nicht einmal die Damen und Herren in den roten Roben.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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