Die Moral der Wirtschaftselite
Ohne Reue

Kenneth Lay blickt freundlich in die Kameras. „Schön, dass ihr alle gekommen seid“, sagt er zu den Journalisten, die seine Pressekonferenz live im Fernsehen übertragen. Alles ist fast wie früher, als Enron das am meisten bewunderte Unternehmen der USA war und Lay als Genie galt.

HB DÜSSELDORF. Nur musste Lay sich vergangene Woche gegen den Vorwurf verteidigen, er habe Enrons milliardenschweren Bilanzbetrug gedeckt. Die Firma ging Anfang 2002 Pleite, Lay droht jahrzehntelange Haft. Doch der Skandalchef zeigt keinerlei Reue. Stattdessen behauptet Lay, er habe von dem jahrelangen Betrug in seinem Unternehmen nichts mitbekommen.

Wer Lay für einen isolierten Ignoranten hält, irrt. Sein Freund, US-Präsident George W. Bush, der ihn in besseren Tagen „Kenny Boy“ rief, hat sich nie öffentlich von Lay distanziert. Lays prominenter Anwalt Michael Ramsey versucht, den Prozess als politisches Ränkespiel hinzustellen. „Diese Anklage musste vor den Präsidentschaftswahlen kom-men“, raunt Ramsey geheimnisvoll. Lay lebt weiter in einer der besten Wohnlagen Houstons und hat auch noch seinen Grundbesitz im noblen US-Skiort Aspen.

Lay ist kein Einzelfall. Viele US-Skandalmanager sehen bis heute keinen Grund zur Selbstkritik. Manche kommen damit sogar vor Gericht durch. So scheiterte der Prozess gegen Dennis Kozlowski. Der Ex-Chef des Mischkonzerns Tyco lebte auf Kosten seiner Firma in Saus und Braus und rechnete zum Beispiel eine zwei Millionen Dollar teure Geburtstagsparty für seine Frau ab.

Kozlowskis dreistes Verteidigungsargument vor Gericht: Er habe sich so schamlos und offen aus der Tyco-Kasse bedient, dass man ihm kein Unrechtsbewusstsein und keine Schuld nachweisen könne. Das überzeugte eine der Geschworenen und verhinderte einen Schuldspruch, der einstimmig fallen muss. Andere verurteilte Wirtschaftsstraftäter wie der Star-Investmentbanker Frank Quattrone und die Haushaltswaren-Königin Martha Stewart haben immer noch eine große Fangemeinde.

Mehr als zwei Jahre nach der Enron-Pleite hat sich zwar vordergründig viel getan. Das drakonische Sarbanes-Oxley-Gesetz zwingt Firmenchefs jetzt, mit persönlicher Unterschrift für ihre Bilanzen zu bürgen. Doch sollte es nicht selbstverständlich sein, dass die Geschäftsführung für ihre Zahlen geradesteht? Heere von Wirtschaftsprüfern durchforsten dank Sarbanes-Oxley die Bilanzen noch genauer. Ironischerweise haben die Skandale bei Enron, Worldcom und Healthsouth zwar das Ansehen der Wirtschaftsprüfer beschädigt, aber gleichzeitig ihre Macht gestärkt.

Seite 1:

Ohne Reue

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%