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Die neue Macht aus den Schwellenländern

Nie waren sie so wertvoll wie heute: Staatlich gelenkte Investmentfonds, die vor allem für die aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens oder der Golfregion viele Billionen Dollar verwalten, haben der Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten einen unschätzbaren Dienst erwiesen.
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Die sogenannten Sovereign Wealth Funds zählen in diesen unruhigen Zeiten, in denen die Zeichen fast überall auf „verkaufen“ stehen, zu den wenigen Käufern an den Finanzmärkten. Ohne sie hätten es die unter der Kreditkrise ächzenden Banken mit der Reparatur ihrer löchrigen Bilanzen weitaus schwerer gehabt. Ohne die vielen Milliarden aus Singapur oder den Ölstaaten würden die Verwerfungen an den Finanzmärkten noch weitaus hässlichere Narben hinterlassen.

Aber trotz dieser Wohltaten schlägt den staatlichen Investoren in vielen westlichen Industrieländern noch immer offenes Misstrauen entgegen. Die Politiker, auch in Deutschland, fürchten, dass die Fonds ihren rasant wachsenden wirtschaftlichen Einfluss politisch missbrauchen könnten und dass strategisch wichtige Konzerne in ausländische Hand fallen.

Um potenzielle Konflikte zu entschärfen, soll der Internationale Währungsfonds (IWF) auf seiner Frühjahrstagung Mitte April mit der Entwicklung eines Verhaltenskodexes für Staatsfonds beginnen. Der soll sicherstellen, dass die Fonds transparent und unabhängig von den Regierungen in ihren Heimatländern agieren.

Aber auch vom IWF abgesegnete Wohlverhaltensregeln würden die Angst in den Industrieländern kaum besänftigen. Denn die Staatsfonds sind nicht die Ursache des westlichen Unbehagens, sondern lediglich das Symptom einer empfindlichen Verschiebung im Machtgefüge der Weltwirtschaft, die auch geopolitische Folgen haben wird.

Der Rohstoffboom der vergangenen Jahre und die Exporterfolge der Asiaten haben zu einem nie da gewesenen Ressourcentransfer von den Industrieländern in Richtung Emerging Markets geführt. Zu den großen Profiteuren dieses Transfers gehören auch Regierungen, die die traditionellen Werte der westlichen Demokratien mehr oder minder offen infrage stellen wie der venezolanische Linkspopulist Hugo Chávez, das Regime von Mahmud Ahmadinedschad in Teheran, Wladimir Putins „gelenkte Demokratie“ und das kommunistische China.

Dieses Problem wird in den kommenden Jahren nicht kleiner, sondern größer werden. Die neuesten Schätzungen gehen davon aus, dass sich die finanzielle Macht der staatlich gelenkten Fonds bis 2015 auf zehn Billionen Dollar verdreifachen wird. Dazu kommt ihr neues Selbstbewusstsein. Lange Jahre gaben sich die Investoren aus Asien oder der Golfregion damit zufrieden, Staatsanleihen der Industrieländer zu kaufen und damit das Wachstum des Westens zu finanzieren. Das war politisch unbedenklich. Seit die Fonds aber immer offener nach Beteiligungen oder gar Mehrheiten an Unternehmen greifen, sehen viele westliche Politiker die Lage anders. An der Machtverschiebung in der Weltwirtschaft würden auch die härtesten Vorschriften für Staatsfonds nichts ändern, und natürlich ist es ordnungspolitisch fragwürdig, Großinvestoren aus den Emerging Markets strikteren Regeln zu unterwerfen als den Rest der Anleger.

Dennoch könnte ein Verhaltenskodex zur Entschärfung des Konflikts beitragen, denn Staatsfonds ist noch lange nicht gleich Staatsfonds. Die einzelnen Länder und Fonds verfolgen nicht nur völlig unterschiedliche Investmentstrategien, sondern unterscheiden sich auch in ihrer Offenheit ganz erheblich. Die Skala reicht vom Musterknaben Norwegen mit einem Maximum an Transparenz bis hin zu einigen reichen Ölländern, in denen die Offenlegung von Details der Investmentstrategie als strafbares Vergehen geahndet wird. Im Vergleich zur notorischen Verschwiegenheit vieler Staatsfonds wirkt die hermetische Welt der Hedge-Fonds geradezu wie eine Versammlung von Plappermäulern.

Für die meisten staatlich gelenkten Investoren aus den Emerging Markets wäre ein Verhaltenskodex, der ihnen transparente Strukturen und mehr Offenheit vorschreibt, ein gewaltiger Schritt. Allein der Gerechtigkeit halber müssten sich allerdings im Gegenzug eigentlich auch die westlichen Industrieländer klaren Regeln unterwerfen, dem Protektionismus abschwören und die Zahl strategisch wichtiger Industriesektoren, in denen Investitionen ausländischer Großanleger beschränkt werden können, auf ein absolutes Minimum begrenzen.

Die Zeiten, da der Westen einseitig die Regeln diktieren konnte, dürften mit der schweren Krise an den Finanzmärkten und der Angst vor einer tiefen Rezession in der Großmacht USA endgültig vorüber sein.

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