Digitalisierung
Google: Neues Leben für alte Bücher

Noch immer sträuben sich Buchverlage gegen das 21. Jahrhundert. Dabei wäre es ein Leichtes für sie, wenigstens ihre aktuellen Werke digital aufzubereiten. Ja, sie könnten gar Geld damit machen. Stattdessen ergehen sich vor allem deutsche Verlage darin, digitale Lesegeräte zum Teufelszeug zu erklären.

Das Ende unserer Wissensgesellschaft ist nah. Zumindest aus Sicht manches Buchverlegers. Der Grund heißt Google. Da digitalisiert der Internetriese einfach die Buchbestände der Welt. Und macht sie öffentlich. Ein Skandal. Oder?

Es ist bemerkenswert, wie honorige Literaturapostel sich in Faktenverdreherei ergehen, geht es um die Google-Buchsuche. Denn was genau tut der Web-Konzern? Er scannt Bücher ein und macht sie, aufgefächert nach Urheberrecht, durchsuchbar. So gibt es einige Bücher vollständig, andere auszugsweise und einige gar nicht. Verdient Google damit Geld? Ja. Doch behält der Konzern selbst 37 Prozent, der Rest geht an eine Gesellschaft, die das Geld unter Autoren verteilt.

Auch ein Blick auf die Art der digitalisierten Bücher ist nötig. Denn Google ist kein Raubkopierer. Der aktuelle Bestseller ist nicht in vollem Umfang lesbar. Experten schätzen, dass in US-Bibliotheken rund 40 Millionen Werke liegen. Doch nur sieben bis neun Millionen davon werden tatsächlich noch gedruckt. 23 bis 25 Millionen unterliegen dem Urheberrecht, doch produzieren die Rechteinhaber sie nicht mehr. Dieser gewaltige Berg ist nur noch in Bibliotheken oder Antiquariaten zu haben. Ist das gut für die Wissensgesellschaft?

Noch immer sträuben sich Buchverlage gegen das 21. Jahrhundert. Dabei wäre es ein Leichtes für sie, wenigstens ihre aktuellen Werke digital aufzubereiten. Ja, sie könnten gar Geld damit machen. Stattdessen ergehen sich vor allem deutsche Verlage darin, digitale Lesegeräte zum Teufelszeug zu erklären. Die vergangenen zehn Jahre, in denen das Internet zur Kulturtechnik, der iPod zum Alltag und Google Milliardenkonzern wurde, sollten klarmachen: Die meisten Menschen empfinden das digitale Zeitalter als Bereicherung. Unternehmen, die glauben, diese Technik aufhalten zu können, gehören zu den Verlierern.

Sicher ist Googles Vorgehen ruppig. Natürlich muss man sich fragen, ob der Konzern zu mächtig wird. Andererseits stünde es jedem offen, ein ähnliches Projekt zu beginnen - sogar den Verlagen selbst. Hier aber ist der Haken: Wer die Gesamtheit aller Bücher digitalisieren will, muss eine Menge Geld mitbringen. Auf mehrere Hundert Millionen Euro taxiert Google selbst den Aufwand. Und das mögen anscheinend weder Unternehmen noch Staaten auf sich nehmen.

So bleibt nur das Unternehmen, dass sich an die Digitalität angepasst hat wie kein anderes: Google. Wer dies nicht akzeptieren mag, sollte etwas Eigenes machen - oder schweigen. Denn die Möglichkeit, die ganze Literatur der Welt nach Wissen zu durchforschen, ist nicht das Ende der Wissensgesellschaft - es ist ihr Anfang.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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