DIREKTINVESTITIONEN
Hilfreiche Petrodollar

Bravo! Mercedes vor den Scheichs gerettet“, jubelte die Bild-Zeitung 1975.

Die Deutsche Bank hatte ein großes Paket Daimler-Aktien übernommen, das Friedrich Karl Flick an den Schah von Persien verkaufen wollte. Zuvor hatte bereits die Quandt-Familie ihren Daimler-Anteil an das Emirat Kuwait veräußert. Auch bei Krupp und Hoechst stiegen Investoren aus den Ölstaaten ein. Das Land lamentierte damals über den Ausverkauf der deutschen Industrieperlen an die in der ersten Ölkrise reich gewordenen Scheichs.

Die Zeiten haben sich geändert. Heute pilgern unsere Industriekapitäne in die Wüste, um dort nach Petrodollar zu suchen. Am Wochenende präsentierten sich acht deutsche Top-Konzerne auf einer Investorenkonferenz in Dubai. Von BASF über Daimler-Chrysler bis zu Siemens traten die Manager zum Schaulaufen vor arabischen Geldgebern an, die Aktien kaufen sollen. Neben Indern, Chinesen und Russen schauen sich auch wieder Araber nach interessanten Investitionsobjekten in den westlichen Industrieländern um. Das Interesse der Ölstaaten ist keineswegs neu. Bereits Anfang 2005 hatte die Fondsgesellschaft Dubai Capital Investment für rund eine Milliarde Dollar zwei Prozent der Anteile von Daimler-Chrysler gekauft. Die Kuwaitis sind mit 7,2 Prozent der Anteile inzwischen der größte Einzelaktionär beim deutschen Vorzeigeunternehmen. Die Petrodollar fließen auch in andere Länder. Ob der britische Schifffahrtskonzern P&O, das New Yorker Luxus-Hotel Essex House oder Ferrari: arabische Investoren kaufen, was gut und teuer ist.

Die Gründe für das verstärkte Interesse der Ölstaaten sind ähnlich wie in den 70er-Jahren. Damals wie heute suchen die Scheichs nach Möglichkeiten, ihre Petrodollar langfristig durch Finanzbeteiligungen zu vermehren. Damit wollen sie auch für die Zeit vorsorgen, wenn das schwarze Gold einmal nicht mehr so reichlich sprudelt. Der stark gestiegene Ölpreis hat die Kassen der Öl exportierenden Länder kräftig gefüllt. Experten schätzen, dass ihnen 2006 etwa eine halbe Billion Dollar zufließt. Allein die Ölstaaten aus dem Mittleren Osten sollen inzwischen rund eine Billion Dollar in ausländische Aktien, Anleihen, Immobilien und Beteiligungen investiert haben.

Anders als in den 70er- und 80er-Jahren gehen die arabischen Investoren heute mit ihrem Reichtum jedoch sehr viel sorgfältiger um. Damals warfen die Scheichs mit den Petrodollar nur so um sich. Die Importe von Luxusgütern aus dem Westen stiegen dramatisch an, viel Geld wurde auf den internationalen Finanzmärkten verspielt oder in unsinnigen Prestigeobjekten wie riesigen Weizenfeldern in der saudischen Wüste verschwendet. Heute bauen die Ölstaaten zunächst ihre Infrastruktur aus und helfen so der heimischen Wirtschaft auf die Füße.

Ihre Investitionen im Ausland lassen die Araber von Finanzprofis managen, die dabei sehr feinfühlig und renditebewusst vorgehen. So fließen heute weniger Petrodollar in Bankeinlagen und Staatsanleihen und geht mehr Geld in direkte Unternehmensbeteiligungen. Aber auch hier sind die Scheichs wählerisch geworden. Zu spüren bekommen haben das als Erste die USA. Die niedrige Verzinsung der US-Staatsanleihen und das pauschale Misstrauen vieler US-Politiker gegenüber Arabern, wie es bei der gescheiterten Übernahme von US-Häfen durch Dubai Ports deutlich wurde, haben dazu geführt, dass arabische Staaten geringere Direktinvestitionen in den USA tätigen. Profitiert davon haben Europa und Asien.

Dass unsere Unternehmen sich nicht in der Deutschland AG verschanzen, sondern aktiv um Vertrauen werben, ist ein gutes Zeichen. Sie müssen sich allerdings darauf einstellen, dass die arabischen Anleger ihre Beteiligungen heute aktiver begleiten als früher.

So sprachen sich Anfang des Jahres die beiden Daimler-Großaktionäre Kuwait und Dubai für einen Verkauf der Kleinwagen-Sparte Smart aus. Dubai hat jetzt angedeutet, dass es sich von seinem Daimler-Anteil wieder trennen möchte. Auch Citigroup-Chef Chuck Prince hat jüngst den Renditedruck des saudischen Prinzen Walid bin Talal zu spüren bekommen. Wir sollten diese „Einmischungen“ nicht als politisch motiviert zurückweisen. Hier handelt es sich um gesunden Aktionismus renditebewusster Anteilseigner.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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