Disney
Kommentar: Caligula im Mäusereich

Als es mit Walt Disney bergab ging, schwiegen Aufsichtsrat und Aktionäre jahrelang. Nun bringen sie es an den Tag: Vorstandschef Michael Eisner habe im Königreich der seichten Familienunterhaltung wie Caligula geherrscht.

Aufgestachelt durch die beiden Ex-Aufsichtsräte Roy Disney und Stanley Gold, zogen Gegner auf der Hauptversammlung die Bilanz seiner angeblichen Schreckensherrschaft: Eisner habe kreative Talente vertrieben, den Aktionären nur Aufsichtsräte ohne Rückgrat vorgesetzt und sich in guten wie in schlechten Zeiten mit fürstlichen Salären bedient. Das Unternehmen sei durch ihn so weit geschwächt, dass sich der Kabelriese Comcast zu einer Übernahmeofferte erdreisten konnte.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Disney-Aktionäre gegen Eisner auflehnen. Aber diesmal schlug sein Versuch fehl, die Kritiker mit einer bunten Show abzulenken und dann mit halben Zugeständnissen zu spalten. Unter tosendem Beifall der mehr als 3 000 Aktionäre forderten Gegner seinen Kopf, obwohl er sich robust verteidigte: Disney sei auf gutem Wege, Gewinne und Aktienkurs stiegen und die Unternehmenskontrolle sei vorbildlich. Die Aktionäre sahen das anders. Mehr als vier von zehn versagten Eisner ihre Stimme für den Aufsichtsrat. „Eine beispiellose Revolte“, sagen Experten und bezweifeln, dass die ins Spiel gebrachte Trennung von Chefposten und Aufsichtsratsvorsitz die Kritiker besänftigt.

Comcasts Chancen haben sich durch den Aufstand gegen Eisner nicht verbessert. Der gebotene Preis wird als zu niedrig abgelehnt, und die Vorteile einer vertikalen Integration im Mediengeschäft gelten als zweifelhaft. Eisner müsse bleiben, um Comcast abzuwehren, sagten die einen; er müsse gehen, damit sich auch Comcast verzöge, die anderen. Caligula soll zum Abschied Rom retten, wie es scheint.

Quelle: Handelsblatt
Jens Eckhardt
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%