Doping
Analyse: Ungleicher Kampf

Nun haben die Kontrolleure ihn anscheinend überführt, den großen Triumphator der Tour de France. Lance Armstrong, siebenfacher Sieger beim härtesten Radrennen der Welt, wird verdächtigt, sich bei seinem ersten Sieg 1999 zum Erfolg gedopt zu haben.

Noch sind die Experten geteilter Meinung. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würde der Amerikaner von der Lichtgestalt zum prominentesten Betrüger des Radsports – eine Warnung an alle Athleten, die sich mit verbotenen Substanzen aufputschen.

Armstrong ist ein gutes Beispiel für das Dilemma, in dem der Kampf gegen das Doping weltweit steckt: Die zu ergreifenden Maßnahmen kommen häufig zu spät. Als die Kontrolleure 1999 dem Amerikaner die Urinproben entnahmen, waren die Methoden zur Erkennung von Doping mit dem Blutmittel Epo noch nicht ausgereift. Dass die Proben eine erhöhte Konzentration des körpereigenen Hormons enthielten, entdeckte das französische Labor erst 2004, fünf Jahre nachdem Armstrong sich das Mittel gespritzt haben soll. Dies kurioserweise deshalb, weil das Labor einen neuen Epo-Test an jahrelang im Tiefkühlschrank aufbewahrtem Urin ausprobieren wollte.

Epo, kurz für Erythropoetin, vermehrt die Zahl der roten Blutkörperchen und sorgt so dafür, dass der Sportler mehr Sauerstoff im Blut aufnehmen kann. Das kann seine Leistung um bis zu 30 Prozent steigern.

Deshalb ist Epo eines der populärsten Mittel zur Leistungssteigerung und für die Dopingexperten längst keine Unbekannte mehr. Doch wie einst Herakles gegen Hydra kämpfen auch die Fahnder weltweit gegen ein Ungeheuer mit vielen Köpfen. Und schlagen sie einen ab, wachsen zwei nach. Denn die Kreativität der Sünder kennt kaum Grenzen. Die Dopinglabors hecheln den immer neuen Aufputschmitteln hinterher. Und bis sie einen Test entwickelt haben, der die Einnahme der neuen Substanz nachweist, sind oft schon viele Medaillen vergeben worden.

Will man das Problem wenigstens annähernd lösen, dann muss sehr viel mehr Geld investiert werden, um die Zahl der Tests bei den Spitzensportlern deutlich erhöhen zu können. Zudem müsste man die Überprüfung auf Junioren ausweiten. Denn in diesem Bereich können Trainer und Athleten noch weitgehend ungefährdet dopen.

Oder man ändert gleich das System. Das fordert zum Beispiel Professor Bernd Frick von der Universität Witten Herdecke. Der Sportökonom plädiert dafür, dass man Sportlern finanzielle Anreize bieten soll, um Athleten zu benennen, die sich unerlaubte Substanzen spritzen. Denn ehrliche Sportler, so Frick, würden um ihre Siege betrogen und hätten ein Interesse daran, dass die Sünder entlarvt werden.

Natürlich kann man solche Vergehen erst dann aufklären, wenn sie begangen wurden. Und Sportler, Mannschaften, Ärzte und auch einige Pharmafirmen entwickeln oft eine ungeheure kriminelle Energie. Doping ist im Sport inzwischen so weit verbreitet, dass selbst einst als sauber geltende Sportarten mit prominenten Sündern aufwarten können: So überführte eine Urinprobe Ende 2004 den österreichischen Weltklasseabfahrer Hans Knauß des Dopings, und der alpine Skisport war sein sauberes Image los.

Doch die Dopingbekämpfung könnte schon sehr viel weiter vorangeschritten sein. Denn viel zu lange hat die Welt des Sports das Phänomen Doping ignoriert, statt zu handeln. Warum zum Beispiel hat das Internationale Olympische Komitee erst Ende 1999 die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) gegründet, die den Kampf gegen den unehrlichen Sport weltweit koordinieren soll? Den ersten Blutdopingfall gab es schon 1972 mit dem finnischen Langstreckenläufer Lasse Viren. Erst 2003 hat die Wada dann einen so genannten Code veröffentlicht, der die Grundlagen der Dopingverfolgung vereinheitlicht.

Die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada), die auch erst Ende 2002 gegründet wurde, beschreibt den Sinn ihrer Existenz so: „Die bisherige Praxis hat gezeigt, dass die zentrale Wahrnehmung von Zuständigkeiten und Aufgaben in der Dopingbekämpfung auf Grund der Komplexität der Aufgabe zu einem Effektivitätszuwachs führt.“ Diesen hätte der internationale Sport schon viel eher haben können, wenn er Doping früher ernst genommen hätte.

Nun ist die Dopingbekämpfung also endlich auf einem guten Weg. Dennoch gilt: Es wird auch in Zukunft immer Dopingsünder geben. Und ebenso häufig werden Kontrollmaßnahmen zu spät greifen. Zu spät jedenfalls, um vor allem im Interesse der Sportler volle Aufklärung leisten zu können.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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