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Gerechtigkeit kann niemand vom Kapitalmarkt erwarten, am allerwenigsten ein Börsenbetreiber. Das bekommt die Deutsche Börse in Frankfurt zurzeit massiv zu spüren. Sie hat die Übernahme der amerikanischen Börse ISE angekündigt – und damit zum ersten Mal seit langem einen strategisch überzeugenden Schritt getan. Dennoch ist ihr eigener Börsenkurs nach der Ankündigung auf Sinkflug gegangen.

Die Frankfurter stehen unter Druck. Um sie herum konsolidiert die Branche. Die mächtige New York Stock Exchange zimmert sich durch Übernahmen und Kooperationen ein weltweites Imperium. In Europa hat sie die Euronext mit Sitz in Paris übernommen und dabei die Frankfurter Konkurrenz ausgebremst. In den USA wiederum ist der hoch spannende Markt der Terminbörsen, ein wichtiges Standbein der Frankfurter, in Bewegung gekommen. Eigentlich wollten die beiden großen Anbieter in Chicago – CBOT und CME – fusionieren. Dann hat sich die US-Terminbörse ICE (nicht zu verwechseln mit der ISE) eingemischt und ebenfalls für die traditionsreiche CBOT geboten – noch ist das Spiel offen.

Sogar die kleineren Börsen in Europa gehen in die Offensive. Im Norden baut sich die Stockholmer OMX ein Reich rund um die Ostsee auf. Und im Osten sucht die Wiener Börse, ähnlich wie die Banken und Versicherer des Landes, auf den Spuren der ehemaligen Donaumonarchie nach Partnern und Übernahmezielen.

Nur die Frankfurter und die Börse London blieben in dem großen Übernahmepoker bisher ohne Spielgefährten. Das würde einen Zusammenschluss der beiden nahe legen – wenn derartige Pläne in der Vergangenheit nicht schon zweimal gescheitert wären. Außerdem ist in London die amerikanische Nasdaq eingestiegen. Sie ist zwar mit einem Übernahmeversuch gescheitert, aber immer noch stark genug, Angreifer oder mögliche Partner in die Flucht zu schlagen.

Die Frankfurter haben sich ihre Isolation selbst zuzuschreiben. In London haben sie ungeschickt agiert. Und gegenüber der Euronext in Paris haben sie ebenfalls zu sehr die eigene Stärke und Strategie in den Vordergrund gestellt. Als großen Bruder konnten sich die Franzosen dann doch eher die Amerikaner vorstellen als ausgerechnet die Deutschen. Bei der neuesten Übernahme dagegen scheint alles zu stimmen. Der Brocken ist nicht zu groß für die Deutsche Börse. Sie will die ISE an der langen Leine führen – also diplomatisches Geschick beweisen. Von der Strategie passt sie gut ins Bild, weil die Eurex, die gemeinsame Terminbörsen-Tochter der Frankfurter und der Schweizer Börse, bisher in den USA nur schwer Fuß gefasst hat. Mit der ISE an der Hand steht die Türe nun offen.

Dass die Frankfurter für den richtigen Schritt trotzdem abgestraft werden, hat zwei Gründe. Zum einen ist durch das weltweite Übernahmepoker der Börsenbetreiber die ganze Branche heiß gelaufen. Die Unternehmen sind teuer geworden – auch die ISE. Der zweite Grund: Bei der Deutschen Börse sitzen immer noch Hedge-Fonds im Aktionärskreis. Sie haben den Kurs der Gesellschaft hoch getrieben, sind ihr strategisch immer wieder in den Arm gefallen und wollen nun endlich Kasse machen. Eine hohe Ausschüttung wäre ihnen lieber als eine Übernahme.

Wer zurzeit Aktien der Deutschen Börse besitzt, muss daher zunächst mit weiteren Kursverlusten rechnen. Denn solange selbst eine gute Entscheidung den Kurs drückt, bleibt die Lage schwierig. Dazu kommt, dass die Branche hoch bewertet ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass möglicherweise ein Ende der Börsenrally näher rückt und damit die Gewinne der Branche künftig magerer ausfallen könnten.

Trotzdem ist es richtig, dass die Deutsche Börse nach strategischen Aspekten entscheidet und den momentanen Druck vom Kapitalmarkt in Kauf nimmt. Irgendwann werden die Hedge-Fonds die Lust verlieren und aussteigen. Danach ist aber – mit der richtigen Strategie – der Weg frei für eine vernünftige Entwicklung. Für Anleger mit langfristiger Perspektive bleibt die Aktie der Deutschen Börse daher hoch spannend.

Und irgendwann, wenn sich die heutigen Wogen längst geglättet haben, finden Frankfurt und London vielleicht doch noch zusammen – denn Charme hätte dieses Bündnis schon.

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