EADS
Daimlers Pflicht

Daimler-Chrysler hat eine Beteiligung, um die den Konzern zurzeit niemand beneidet. Die Stuttgarter sind Großaktionär bei dem Luft- und Raumfahrtkonzern EADS.

Dort hat man gemeinsam mit dem französischen Industriekonzern Lagardère und dem französischen Staat die Stimmenmehrheit. Eine Konstruktion, die immer wieder die Frage aufwirft, wer am Ende das Sagen hat: die Unternehmen oder die Politik.Derzeit raucht es wieder im Hause EADS: Beim Streit um die Finanzierung des Langstreckenflugzeugs A350 sind die Großaktionäre heftig aneinander geraten. Aus dem brüchigen Frieden ist einmal mehr ein offener Konflikt geworden. Der französische Staat will eine Kapitalerhöhung durchsetzen, die beiden industriellen Großaktionäre Lagardère und Daimler-Chrysler sträuben sich. Ihnen ist die Schleuderfahrt von EADS schon lange viel zu riskant geworden. Sie wollen nicht mehr, sondern weniger EADS. Vor allem Daimler will 7,5 Prozent seiner Anteile rasch abstoßen.

Das wundert nicht. Lagardère druckt vor allem Bücher und Zeitungen, Daimler baut Autos. Anders als sein Vorgänger Jürgen Schrempp hat Daimler-Chef Dieter Zetsche wenig Interesse am Flugzeugbau. Er braucht Geld und Manager für die Sanierung des Autogeschäfts. Das zyklische Flugzeuggeschäft lässt sich aber schlecht nebenbei verwalten. Erst recht dann nicht, wenn es so tief in der Krise steckt wie die EADS-Tochter Airbus zurzeit. Damit tut sich eine neue Konfliktlinie auf. Stritten sich in guten Zeiten Deutsche und Franzosen um lukrative Posten und prestigeträchtige Endmontagen bei der Flugzeugtochter Airbus, so geht es jetzt um die Frage, wer eigentlich das Risiko trägt, wenn das Flugzeuggeschäft einmal schief läuft, Sanierungen anstehen und frisches Geld in die Kasse muss.

Interessenten gibt es genug, es sind nur die falschen. So haben die Russen über eine Staatsbank bereits fünf Prozent der EADS-Anteile gekauft und drängen auf Mitsprache. Die spanische Staatsholding möchte ihre fünf Prozent auf zehn erhöhen und ebenfalls ihr Gewicht im exklusiven Klub der Großaktionäre erhöhen. Auch Dubai, Airbus-Großkunde, könnte sich vorstellen, mit richtig viel Geld bei der EADS einzusteigen. Spanier und Russen wollen am Ende mehr Einfluss, Dubai gut verzinstes Geld. Aber Macht wollen die Großaktionäre auf keinen Fall preisgeben. Und Rendite kann die EADS ohne tief greifende Airbus-Sanierung nicht versprechen.Daimler drängt deshalb auf die Sanierung: Der Riesen-Airbus A380 kommt viel zu spät zum Kunden, das kleinere Langstreckenflugzeug A350 muss völlig neu konstruiert werden. Das Flugzeug ist entscheidend, weil es 40 Prozent des weltweiten Markts abdeckt und Boeing mit seinen Modellen derzeit alle Aufträge in diesem Segment abräumt. Doch die EADS hat noch viel größere Sorgen. Der Flugzeugtochter laufen die Kosten davon, denn Airbus produziert fast ausschließlich im Euro-Raum, abgerechnet werden die Flugzeuge in Dollar. Der hat in den vergangenen Jahren aber ein Drittel an Wert verloren. Das milliardenschwere Sanierungsprogramm „Power8“ soll gegensteuern, indem Werke verkauft und Stellen gestrichen werden.

Daimler-Chrysler und Lagardère machen „Power8“ zur Voraussetzung für den Bau der A350. Doch der französische Staat will da nicht mitmachen. Eine Airbus-Rosskur mitten im Präsidentschaftswahlkampf 2007 ist mit dem Aktionär im Élysée nicht zu machen. Der französische Staat hat keinerlei Skrupel, Steuermilliarden loszueisen und sie in ein – aus wirtschaftlicher Sicht – nicht kalkulierbares Abenteuer zu stecken. Denn genau das wird der Bau der A350 ohne zeitgleiche Airbus-Sanierung. Ohne die A350 ist Airbus aber im kommenden Jahrzehnt so gut wie abgemeldet.Das Dilemma haben die Deutschen geahnt – und sind doch hilflos. Seit Monaten versucht die Bundesregierung, eine industrielle Hilfstruppe für Daimler zusammenzustellen. Doch die Industrie schaltet auf stur. Kein deutscher Konzernchef will eine direkte EADS-Beteiligung in die Bücher nehmen und sich viermal im Jahr von den Kapitalmärkten wegen der offensichtlichen Risiken grillen lassen. Bleiben einige deutsche Banken, die in dieser Woche wohl die Hand heben werden. Imagepflege ist das Motiv der Geldhäuser, nicht der schnelle Gewinn. Die Banken werden Daimler finanziell entlasten, die Stimmrechte bleiben aber in Stuttgart. Und damit auch die Pflicht, die Verantwortung für das Unternehmen EADS zu tragen.Eine Pflicht, die Daimler jetzt für Jahrzehnte behalten wird. Denn Flugzeugbau ist eine sehr langfristige Angelegenheit. Die A350 fliegt frühestens 2013, ihre Gewinne sprudeln nicht vor 2015. Und auch nur dann, wenn sich Daimler jetzt gegen den französischen Staat durchsetzt und Airbus saniert.

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