EADS
Führungslos

In dem Dividendenstreit beim Luftfahrt- und Rüstungskonzern EADS haben sich Vorstand und Verwaltungsrat blamiert.

Deutlich wie nie zeigt sich, dass funktionierende Führungsstrukturen fehlen. Abhilfe könnte eine radikale Lösung schaffen: Die privaten und staatlichen Großaktionäre müssten ihre Anteile abgeben. Doch damit ist leider kaum zu rechnen.

Die Spitze des weltweit zweitgrößten Aeronautikkonzerns war nicht in der Lage, zu entscheiden, was mit mageren 99 Mill. Euro Gewinn geschehen soll. Das Board delegierte die Entscheidung an die EADS-Kleinaktionäre auf der Hauptversammlung. Die Privatanleger ließen sich nicht lange bitten und genehmigten sich mit knapper Mehrheit die Komplettausschüttung. Genau das wollten alle im Board vertretenen Großaktionäre eigentlich verhindern.

Die peinliche Auseinandersetzung wirft ein Schlaglicht darauf, wie sehr die aktuelle Aktionärsstruktur das Unternehmen lähmt. Denn der Zank um die Ausschüttung ist nur ein Symptom: Nach wie vor gibt es keine Einigung darüber, wie EADS mittelfristig sein Eigenkapital stärken kann, um milliardenschwere Entwicklungsprojekte zu stemmen. Ein Fondsmanager brachte es auf der Hauptversammlung auf den Punkt: „Eine Konzernführung, die nicht in der Lage ist, solche wichtigen Strategiefragen zu entscheiden, hat ihre Daseinsberechtigung verloren.“

Mit einem Bestand an Barmitteln von gut vier Milliarden Euro kann man sicher nicht von akuter Geldnot reden. Doch spätestens im Jahr 2010 wird sich die Frage einer Eigenmittelstärkung mit Nachdruck stellen. Denn dann erreichen die Entwicklungsaufwendungen für das neue Langstreckenflugzeug A350XWB, die mit insgesamt rund zehn Milliarden Euro veranschlagt werden, ihren Höhepunkt. EADS-Tochter Airbus will zwar einen Teil dieser Kosten auf externe Partner wie etwa Russland abwälzen. Doch diese Partner haben mit modernster Flugzeugfertigung mit Verbundwerkstoffen keine Erfahrung. Selbst Boeing holt einen Teil der ausgelagerten Entwicklung für die neue B787 wieder zurück, weil die Resultate nicht überzeugen. Kurz, ob die von Airbus geplante Lastenteilung wirklich funktioniert, scheint fraglich.

Die Frage einer Kapitalerhöhung zieht aber über kurz oder lang die nach der Reform der Governance-Strukturen nach sich. Hier wollten die industriellen Aktionäre Lagardère und Daimler mit dem Kunstgriff einer Wandelanleihe Zeit gewinnen: Dabei fließt Geld sofort, die Rückzahlung in Form von EADS-Aktien und die damit verbundene Änderung der Aktionärsstruktur wird aber um Jahre verschoben, mit einer Rückkauf-Option kann die Ausgabe neuer Aktien sogar verhindert werden.

Frankreichs Staatsvertreter wollten dagegen eine normale Kapitalerhöhung durchdrücken und sofort neue Aktien ausgeben. Die hätte der Staat dann entsprechend seinem EADS-Anteil gezeichnet, um dem Wahlvolk zu zeigen, wie sehr er sich für das Unternehmen engagiert. Darin liegt das ganze Dilemma bei EADS: Der staatliche Großaktionär will frisches Geld einschießen, dürfte aber im Gegenzug dann mehr Macht verlangen. Mehr staatlicher Einfluss hat aber noch nie einem Unternehmen geholfen. Die beiden Privataktionäre hingegen klammern sich an die Macht, wollen oder können aus Rücksicht auf die eigenen Aktionäre aber keine weiteren Mittel in EADS investieren. Im Gegenteil: Lagardère und Daimler haben bereits EADS-Aktien verkauft. Und weder in Frankreich noch in Deutschland sind industrielle Akteure in Sicht, die Daimler und Lagardère ihr EADS-Engagement abnehmen könnten.

Es gibt einen Ausweg aus dem Dilemma: Alle drei Großaktionäre, inklusive des französischen Staates, steigen aus und streuen das EADS-Kapital weltweit unter Anlegern. Das Management müsste sich nur noch um das Geschäft und nicht um die Politik kümmern. Die lähmende Doppelstruktur könnte abgeschafft werden. Wettbewerber Boeing, der noch viel stärker im strategisch heiklen Rüstungsgeschäft aktiv ist, kommt schließlich auch ohne Referenzaktionäre aus. Und zur Verteidigung der legitimen strategischen Interessen gibt es sowohl in Frankreich als auch in Deutschland längst Gesetze, um in einem echten Notfall unerwünschte Großaktionäre abzuwehren.

Angesichts des auch in Deutschland aufflammenden Wirtschaftspatriotismus dürfte diese Lösung aber ein frommer Wunsch bleiben. Immerhin will sich EADS des Problems annehmen und ließ Michel Pébéreau, Präsident der Großbank BNP Paribas, in das Board wählen. Der Deutschland-Kenner ist einer der mächtigsten Banker Frankreichs und hat den Auftrag, die Governance-Strukturen bei EADS zu lichten. Den Job neidet ihm wohl niemand.

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