"Ehrenmord"
Vorauseilender Gehorsam

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Ralph Giordano hat recht. Der mutige Schriftsteller bescheinigt dieser Gesellschaft im Umgang mit dem Islam vorauseilenden Gehorsam bis hinein in die Sprache. Wenn es für diesen Vorwurf noch eines Beweises bedurft hätte, dann ist es der völlig unkritisch übernommene und unreflektiert verwendete Begriff „Ehrenmord“. Hier wird die vorsätzliche Hinrichtung eines Menschen sprachlich verniedlicht, im konkreten Fall die einer türkischen Tochter, die sich dem Willen des Vaters nicht beugen wollte. Im deutschen Strafrecht ist die Tötung eines Menschen Mord, wenn sie aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch verübt wird. Was ist daran „ehrenvoll“? Und doch haben gedruckte wie gesendete Medien in der Berichterstattung über den Fall, der nun neu aufgerollt werden muss, den Begriff bedenkenlos verwandt.

Was das eigene Rechtssystem nicht kennt, sollte die Sprache auch nicht kennen. Es gibt einen Grund dafür, dass wir den Ausdruck „Lynchjustiz“ verwenden, nicht aber vom „Ehrentotschlag“ reden. Es hat seinen Grund, dass der Kohlenklau im harten Nachkriegswinter 1945 nicht „Ehrendiebstahl“ genannt wurde. An einer Straftat ist nichts ehrenvoll, manches vielleicht verständlich oder zu verzeihen. Diesen Unterschied sollten die verwendeten Begriffe benennen, nicht verschleiern. Gerade die Sprache leistet einen wichtigen Dienst zur Prägung der eigenen Kultur. Wir verschleudern unseren Reichtum, wenn wir Ausdrücke einer anderen kritiklos übernehmen. Wir beginnen, uns sprachlich in eine Gesellschaft zu integrieren, die Mord als eine „Ehrensache unter Männern“ verharmlost und damit den Boden unserer freiheitlichen Grundordnung verlässt. Um nichts weniger geht es: um die Abwehr eines Angriffs auf unser Wertesystem. Und Abwehr fängt schon bei der eigenen Sprache an!

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