Ein Jahr Präsident Trump

Am 20. Januar vor einem Jahr, hat Donald Trump vor dem Weißen Haus seinen Amtseid geleistet. Die Autoren sehen sich die USA heute an.

Lars Brozus ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Amerika der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).

Thomas Kleine-Brockhoff ist Vizepräsident und Berliner Büroleiter des German Marshall Fund of the United States (GMF).

(Foto: AFP)

Ein Jahr Trump Gefahren und Gegensätze

Ein Jahr nach der Amtseinführung von Donald Trump scheint das „Land der Gegensätze“ noch weiter auseinander geklafft zu sein. Anstatt zu einen verstärkt der neue Präsident die Spaltung. Ein Kommentar.
  • Lars Brozus, Thomas Kleine-Brockhoff
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BerlinDass jeder US-Präsident die Einheit des Landes beschwört, gehört zur politischen DNA Amerikas. E pluribus unum, der traditionelle Wahlspruch der Vereinigten Staaten, versinnbildlicht dies: aus vielen Teilen ein Ganzes bilden. Auch Donald Trump – der sonst kein Problem damit hat, gegen die politische Etikette zu verstoßen – gelobt immer wieder, die Nation zusammen führen zu wollen. Tatsächlich aber ist unverkennbar, dass die Gegensätze in den USA ein Jahr nach Trumps Amtsantritt zugenommen haben. Und sowohl die Bereitschaft wie auch die Fähigkeit der Politik, diese Gegensätze auszutarieren, sind geschwunden. Darunter leidet nicht zuletzt die transatlantische Zusammenarbeit.

1. Die Widersprüchlichkeit der Modernisierung in den USA

Mehr denn je sind die USA 2018 von der Gleichzeitigkeit ungleichartiger Entwicklungen geprägt. Auf der einen Seite stehen hochmoderne Wirtschaftssektoren, die in vielen Branchen die Weltmarktführerschaft innehaben. Nicht nur sprichwörtlich ist Silicon Valley der Ort, der immer wieder technologische Durchbrüche hervorbringt, an denen sich die globalen Wettbewerber auszurichten haben. Die Wall Street bleibt das Zentrum finanzwirtschaftlicher Innovation. Zugangsmöglichkeiten zu und Liquidität von Kapital sind unerreicht und Grundlage dafür, dass sich Innovationen schnell in Produkte verwandeln. Die wirtschaftliche Potenz der USA wird dadurch unterstrichen, dass dort mehr als 30 Prozent des weltweiten Reichtums konzentriert sind (Deutschlands Anteil beträgt etwa 5 Prozent). Insgesamt bleibt Amerika ein globales Labor und der Vorreiter der Modernisierung.

Mit der wirtschaftlichen Ausnahmestellung korrespondiert die Führungsrolle der USA in der Wissenschaft wie auch in kultureller Hinsicht. Das beginnt bei den Eliteuniversitäten an der Ost- und Westküste und endet noch lange nicht bei Hollywoods Filmproduktion. Nicht zuletzt unterhalten die USA die mit großem Abstand führende Militärmacht.

Auf der anderen Seite haben die Vereinigten Staaten mit den Effekten eines anhaltenden Strukturwandels zu kämpfen. Den Innovationsclustern rund um Informations- und Kommunikationstechnologien sowie den neuen Dienstleistungsindustrien stehen Deindustrialisierungsprozesse in den klassischen Sektoren der Schwer- und verarbeitenden Industrie gegenüber, die seit Jahrzehnten andauern. Der Anteil des Bruttoinlandsproduktes, der durch Industrieproduktion erarbeitet wird, ist auf 12 Prozent zurückgegangen, während er in Deutschland weiterhin bei 23 Prozent liegt. Diese Entwicklung hat in wichtigen Regionen des Landes zum Abbau gut bezahlter Arbeitsplätze im Primärsektor bei gleichzeitigem Aufwuchs schlechter bezahlter, manchmal sogar prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Dienstleistungsbereich geführt. Überspitzt und salopp formuliert: wer früher lebenslang und tariflich abgesichert Autos zusammenbaute, ist heute als schlecht bezahlter Paketbote unterwegs und morgen womöglich als Regalauffüller bei WalMart.

Zugleich ist die Beschäftigungsquote zurückgegangen und zwar insbesondere bei gering Qualifizierten, deren Anzahl auch aufgrund der liberalen Zuwanderungspolitik seit den 1980er Jahren stetig anstieg. Mehrere Millionen vorwiegend schlecht ausgebildete, weiße, oft alleinstehende Männer werden von den Arbeitsmarktstatistiken nicht erfasst und relativieren den Eindruck annähender Vollbeschäftigung. Dieses wachsende Arbeitskräftereservoir erklärt zusammen mit dem Strukturwandel, warum das Einkommen von Arbeitnehmern ohne Hochschulabschluss vor der Mitte der 2010er Jahre jahrzehntelang nicht mehr angestiegen ist, während die soziale Aufwärtsmobilität deutlich abgenommen hat.

2. Der Stadt-Land Gegensatz

Die Modernisierungsfolgen bilden sich regional äußerst ungleich ab. Zwar sind viele (wenn auch noch längst nicht alle) Städte Profiteure der Modernisierung. Die Metropolen entlang der Küsten, darunter etliche alte Industriestädte des Ostens, sowie die neuen Zentren des Südwestens erleben einen Bevölkerungsboom. Gut ausgebildete, junge Angehörige der Mittelschicht folgen den neu entstehenden Jobs in die urbanen Innovationscluster und drängen in die einst heruntergekommenen Stadtzentren. Zu beobachten ist vielerorts eine neue Blüte der Innenstädte, die in den 1970er Jahren vor einem kaum aufhaltbarem Niedergang und Verfall zu stehen schienen. Nutznießer dieser Entwicklung sind auch viele Angehörige von Minderheiten, besonders Schwarze, die sich zu den neuen urbanen Mittelschichten zählen.

Die Problemzonen der USA sind aber nicht verschwunden; sie haben sich nur verschoben – von den dynamischen Metropolen aufs Land oder in die ländlichen Kleinstädte. Dieser Trend lässt sich mit Hilfe einer Vielzahl sozioökonomischer Maßgrößen belegen: Wachstum, Beschäftigungsquote von Männern, Hochschulausbildung, Teenage-Elternschaft, Scheidungsrate, Sozialhilfe-Quote, Sterblichkeitsrate durch Herzkrankheiten und Krebs, Drogenkonsum. Im Unterschied zu den einst verwahrlosten Innenstädten sind die meisten Bewohner der neuen Problemzonen weiß.

Noch in den 1990er Jahren schienen die neuen Technologien, die in den USA erfunden wurden, insbesondere das Internet, dem ländlichen Raum ein bekömmliches Auskommen zu verheißen. Die Menschen sollten überall an ihren Computern arbeiten können, was den Firmen erlauben würde, außerhalb der teuren verstädterten Zonen investieren zu können. Doch statt eines Auszuges auf das Land förderten die neuen Technologien einen weiteren Suburbanisierungsschub. Auf dem Land und in den ländlichen Kleinstädten sank die ohnehin geringe Zahl von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe weiter, ebenso wie die Zahl der Stellen in der Landwirtschaft. In diesen Regionen hat sich der Eindruck festgesetzt, dauerhaft von der Entwicklung der prosperierenden Landesteile abgehängt zu sein.

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