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Einigkeit macht stark

Am Ende frisst jede Revolution ihre Kinder. Das ist nicht nur in der Politik so, sondern auch in der Wirtschaft.

Dort dürften die nächsten Opfer die sein, die in Deutschland die Globalisierung am entschiedensten mit vorangetrieben haben: die zahlreichen Wirtschaftsverbände. Hinter den Kulissen finden mehr als nur Gedankenspiele über Fusionen in der weltweit einmalig zersplitterten Verbandsstruktur statt. Nun sind BDI und DIHK an der Reihe, BDA und ZDH sollen ebenfalls eingebunden werden.

Die Debatte über ein engeres Zusammengehen der Wirtschaftsverbände ist längst überfällig. Denn seit geraumer Zeit erlebt etwa der Arbeitgeberverband eine Erosion seiner Mitgliederzahlen. Die Kammern stehen wegen ihrer Zwangsmitgliedschaft in der Kritik. Und die Struktur der etablierten Verbände bildet immer weniger eine zunehmend von Dienstleistungen geprägte Wirtschaft ab. Dass die Fusionsdebatte nicht längst zu Ergebnissen geführt hat, liegt nicht am fehlenden Veränderungsdruck. Der Grund ist darin zu suchen, dass nicht nur in den Gewerkschaften, sondern auch in den Organisationen der deutschen Wirtschaft das Beharrungsvermögen groß ist.

Nun jedoch schlagen die Mitgliedsfirmen selbst Alarm. Denn in der globalisierten Welt sinkt die politische Schlagkraft einzelner Verbände. In der EU oder bei multilateralen Organisationen dringen nur noch diejenigen durch, die als geeinte Stimme ihrer nationalen Wirtschaft auftreten. Auf deutscher Seite jedoch lassen sich nicht nur die durch den Föderalismus geschwächten Politiker ein ums andere Mal gegeneinander ausspielen. Auch die deutschen Wirtschaftsverbände verzetteln sich.

Schon auf nationaler Ebene ist dies ein Problem, das sich als sinkender Einfluss bemerkbar macht. Besonders schmerzlich spürbar ist es in Zeiten einer großen Koalition. Dann verschließt sich die Politik noch stärker dem Rat der Wirtschaft. Ein wahres Lobbyisten-Desaster aus Sicht der Unternehmen ist etwa, dass bei der geplanten Gesundheitsreform die Belastung für die Firmen zumindest am Anfang noch steigen soll.

Umso wichtiger ist aber eine starke Stimme der Wirtschaft als Korrektiv zu einem ausufernden Staat. Deshalb ist es überfällig, in den Wirtschaftsverbänden neue Formen einer möglichst engen Zusammenarbeit zu suchen. Es kann nicht sein, dass persönliche Animositäten und strukturelle Probleme wie der überholte öffentlich-rechtliche Status der Industrie- und Handelskammern dies verhindern. Wer ständig nur selbst auf Hindernisse verweist, muss sich fragen lassen, mit welchem Recht er oft plakativ nach radikalen Änderungen im staatlichen Bereich ruft.

Oft wird angeführt, ein Gesamtverband der Wirtschaft sei wegen interner Interessenkonflikte handlungsunfähig. Und der Mittelstand sorgt sich, dass die Großkonzerne in einem Gesamtverband eine dominierende Stellung haben könnten. Doch in der Praxis müssen BDI und DIHK schon heute die Interessen unter einen Nenner bringen. Im übrigen verlaufen viele Debatten etwa um staatliche Auflagen keineswegs entlang der Grenze „Groß-Klein“, sondern entlang der Branchengrenzen. Der bisher vermutete Gegensatz zwischen DIHK und BD sehr unterschiedlichen Interessen ihrer Mitgliedsfirmen zusammenführen. Gelingt es nicht, die Fronten zwischen „Großen“ und „Kleinen“ oder zwischen Branchen aufzulockern, nimmt der Einfluss der Wirtschaftsverbände auch in der jetzigen Formation ab. Die Argumente gegen eine kompaktere Organisation sind nicht stichhaltig.

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